Würdigung
Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft
der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an
Herrn Dr. phil. Michael Zimmermann
Institut für Kultur und Geschichte Indiens
und Tibets, Universität Hamburg
Herr Dr. Michael Zimmermann behandelt in seiner Dissertation das Tathagatagarbha-sutra, den nach derzeitigem Erkenntnisstand frühesten Text der in Indien entstandenen, vor allem aber im ostasiatischen Buddhismus verbreiteten Lehre von der allen Lebewesen immer schon innewohnenden Buddha-Natur. Herr Zimmermann hat diesen Text, der im indischen Original verloren und nur in Gestalt von tibetischen und chinesischen Übersetzungen überliefert ist, durch eine kritische Edition aller Textzeugen, eine gründlich kommentierte Übersetzung und eine eingehende ideengeschichtliche Auswertung beispielhaft erschlossen. Es ist ihm überzeugend gelungen, den ursprünglichen "Sitz im Leben" der Lehre von der Buddha-Natur aufzudecken und von späteren, heute vor allem in Japan kritisch beurteilten Entwicklungen abzugrenzen.
Hamburg, am 22. November 2002
(Prof. Dr. Helmut Greve)
(Dr. h. c. Hannelore Greve)
Stiftungsvorstand
Danksagung von Dr. Michael Zimmermann
Sehr geehrter Herr Präsident!
Sehr verehrtes Ehepaar Greve!
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Lassen Sie mich zunächst meinen allerherzlichsten Dank zum Ausdruck bringen. Er gilt den Vorständen der Joachim Jungius-Gesellschaft und der Dr. Helmut und Hannelore Greve Stiftung für Wissenschaften und Kultur, die mich für diese Auszeichnung vorgeschlagen haben, und natürlich ganz besonders Ihnen, verehrtes Ehepaar Greve, die Sie die Verleihung dieses großzügig bemessenen Preises überhaupt erst ermöglichten. Für mich persönlich ist es eine äußerst wichtige Auszeichnung - eine Auszeichnung, die Mut für die Zukunft macht in einer Zeit, in der eine verhängnisvolle Bildungspolitik in Gesetze gegossen wird, die von den Betroffenen, dem sogenannten "akademischen Mittelbau" zwischen Promotion und Habilitation - aber nicht nur von diesem - kaum mehr nachvollzogen werden kann - zumindest nicht mit gesundem Menschenverstand. Doch darum soll es hier nicht gehen.
In meiner Arbeit widmete
ich mich einer im Original verlorengegangenen buddhistischen Lehrrede,
die ursprünglich in Sanskrit, der klassischen Kultursprache
Indiens, verfaßt worden war, nun aber nur noch in jeweils
zwei tibetischen und chinesischen Übersetzungen aus dem 5.
bzw. 8. nachchristlichen Jahrhundert vorliegt. Dies ist übrigens
keine Seltenheit, sondern kommt im Falle buddhistischer Texte
Indiens häufig vor. Mein Hauptinteresse galt dabei der ideengeschichtlichen
Bestimmung und Einordnung dieses Textes, der zum ersten Mal in
der Geistesgeschichte Indiens - wohl im 2. oder 3. Jahrhundert
nach der Zeitenwende - die sog. Buddha-Natur aller Lebewesen verkündet.
Alle Lebewesen hätten diese Natur eines vollkommen Erwachten,
eines Buddha, nur dass sie diese nicht selbst erkennen könnten
und dass diese ihnen schon immer innewohnende reine Natur von
moralischen, emotionalen und intellektuellen Fehleinstellungen
verdeckt sei. Das grundlegende Verhältnis zwischen diesen
hinderlichen Fehleinstellungen und der immer schon reinen Natur
der Lebewesen wird in der Lehrrede mit neun Gleichnissen illustriert.
So wie zum Bespiel eine goldene Statue nach dem Guss unerkannt
in einer häßlichen, schwarz gebrannten Tonschale verborgen
liegt, genauso verhalte es sich mit der wahren Natur aller Lebewesen.
Die Natur des Goldes wird von der Tonschale in keiner Weise beeinträchtigt.
Und nachdem die Schale zerschlagen ist, tritt das Gold strahlend
rein hervor. Insgesamt scheint der Text Mut machen zu wollen,
die eigene spirituelle Entwicklung anzugehen bzw. weiter voranzubringen.
Ausgangsbasis dafür ist die sehr positive Idee, dass letztlich
kein Lebewesen zu gering für die Verwirklichung des höchsten
Zieles der Buddhaschaft sei.
Für die Spiritualität und philosophische Entwicklung
des Buddhismus Ostasiens und Tibets hatte und hat diese Lehre
von der Buddha-Natur eine kaum zu überschätzende Bedeutung.
Umso erstaunlicher ist es, dass diese erste umfassende Bearbeitung
dieses die Tradition begründenden Textes und seine Übersetzung
in eine moderne Sprache so lange auf sich warten ließ. Ich
habe mich bemüht, durch die Analyse der frühen tibetischen
und chinesischen Übersetzungen die indische Urform des Textes
herauszuarbeiten, wo immer das möglich war. Dies war nötig,
um daran eingehende terminologische Untersuchungen anschließen
zu können, die wiederum Licht auf die ideengeschichtlichen
Hintergründe des Autorenmilieus warfen. Dabei wurde klar,
dass es sich bei der Buddha-Natur-Lehre in diesem frühen
Stadium keineswegs um eine Anschauung handelt, die das "Ich"
rigoros leugnet oder die negativen, leidhaften Aspekte des irdischen
Daseins in den Vordergrund stellt, wie es die besonders im angelsächsischen
Sprachraum vorherrschende Bestimmung des Buddhismus generell als
"Philosophie der Leere" vermuten ließe. Ganz im
Gegenteil: offensichtlich hatten der oder die Verfasser keinerlei
Bedenken, den Lebewesen, wie ich eben ausgeführt habe, eine
sehr positive, ewig unveränderliche Natur zuzuschreiben.
Damit offenbart sich der Buddhismus jener Epoche allerdings als
ein ideengeschichtlich weitaus komplexeres, pluralistischeres
Gebilde, als ihn moderne wissenschaftliche Systematisierungsversuche
oft erscheinen lassen. In diesem Sinne hoffe ich trotz aller Beschränktheit,
die eine solche über mehrere Kultur- und Sprachzonen angelegte
Arbeit zwangsläufig mit sich bringt, dazu beigetragen zu
haben, die Mannigfaltigkeit und den Reichtum religiösen Denkens
in der Frühphase einer der Weltreligionen illustriert zu
haben - eine Vielfalt, die späteren Tendenzen dogmatischer
Einengung sowohl durch die Wissenschaft als auch durch Vertreter
der Tradition selbst deutlich widerspricht.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!