Würdigung und Danksagung

Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an
Frau Dr. phil. Marina Vollstedt
Germanistisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Mit ihrer Dissertation "Sprachenplanung in der internen Kommunikation internationaler Unternehmen. Studien zur Umstellung der Unternehmenssprache auf das Englische" behandelt Frau Dr. Marina Vollstedt erstmals in interdisziplinärem Zugriff ein Thema, das mit der Globalisierung deutscher und der Akquisition ausländischer Unternehmen zunehmend an Aktualität gewinnt. An Hand von Fallstudien, die sie nach sprachwissenschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten bei Großunternehmen erstellte, gibt sie einen detaillierten Einblick in die wirtschaftlichen Entscheidungsprobleme, in die jeweilige Unternehmens-"Kultur" und die planungstheoretischen Grundlagen des Innovationsmanagements. Auf der Basis des sorgfältig aufbereiteten Datenmaterials zeigt Frau Vollstedt, welche Bedeutung Wahl und Gebrauch der Sprache im verzweigten Geflecht unternehmerischer Aktivitäten zukommt. Für eine strategisch und operativ sinnvolle Planung unterbreitet sie ein gut durchdachtes Modell, das die sprach- und bildungspolitischen Implikationen bei der Einführung des Englischen als alleiniger Unternehmenssprache berücksichtigt.

Hamburg, am 30. November 2001

(Prof. Dr. Helmut Greve) (Dr. h. c. Hannelore Greve)
Stiftungsvorstand

 

Danksagung von Dr. Marina Vollstedt

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr verehrtes Ehepaar Greve, meine sehr geehrten Damen und Herren,
mit großer Freude habe ich erfahren, dass meine Dissertation zur Sprachenplanung in internationalen Unternehmen mit dem Preis der "Dr. Helmut und Hannelore Greve Stiftung für Wissenschaften und Kultur" ausgezeichnet worden ist. Für die damit verbundene ideelle und materielle Förderung bedanke ich mich sehr bei den Stiftern des Preises, dem Ehepaar Greve, sowie bei der Joachim-Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften. Ich möchte diese Gelegenheit auch nutzen, um meinem Doktorvater, Herrn Professor Friedhelm Debus, sowie den Herren Professoren Jürgen Hauschildt und Hans-Günter Schmitz noch einmal für all ihre Unterstützung und für die vielen Anregungen, die ich von ihnen erhalten habe, herzlich zu danken.
In meiner Dissertation habe ich ein aktuelles Thema aufgegriffen. Wie Sie aus der Presse erfahren können, stellt sich für viele international tätige Unternehmen zur Zeit die Frage, in welcher Sprache ihre Mitarbeiter angesichts zunehmender Globalisierung miteinander kommunizieren sollen. Immer mehr Unternehmen - bekannte Beispiele sind etwa DaimlerChrysler oder Bertelsmann - beantworten diese Frage mit der Einführung des Englischen als interne Unternehmenssprache. Diesen Sprachwandel zum Englischen habe ich untersucht. Das Ziel war es zu ermitteln, welche Gründe für die Sprachumstellung ausschlaggebend sind, wie sie organisiert wird, welche Schwierigkeiten dabei sowohl für die Unternehmen als auch für den einzelnen Mitarbeiter entstehen und wie diese Probleme gegebenenfalls gelöst werden können.
Um Antworten zu finden, habe ich unter anderem vier Fallstudien in international tätigen Unternehmen durchgeführt - in zwei deutschen Unternehmen der Chemieindustrie, in einem französischen Baustoffhersteller und in der deutschen Tochtergesellschaft eines amerikanischen Mineralölkonzerns. Den Mitarbeitern der Unternehmen, die mir den Zugang zu oftmals internen Informationen eröffnet und mir auch sonst sehr geholfen haben, sei an dieser Stelle ebenfalls gedankt.
In der Praxis stellt sich die Sprachenwahl als wirtschaftliches Entscheidungsproblem dar, bei dem sich das Unternehmen - vereinfacht dargestellt - zwischen der Einführung des Englischen als alleinige Unternehmenssprache mit erheblichen Lehr- und Lernkosten oder der Beibehaltung der Mehrsprachigkeit mit ihren Übersetzungen und den daraus resultierenden Verzögerungen entscheiden muss. Wie die Wahl ausfällt, hängt im Wesentlichen von vier Faktoren ab: von der Organisations- und Kommunikationsstruktur des Unternehmens, von seiner Unternehmenskultur, von rechtlichen Faktoren sowie von der Machtverteilung im Konzern. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Ein Unternehmen, in dem die einzelnen Standorte weltweit eng miteinander kooperieren, die Zusammenarbeit in multinationalen Teams zum Alltag gehört und im Vorstand Manager aus fünf Nationen sitzen, wird sicherlich eher zur Einführung des Englischen neigen als ein Konzern, der sich als deutsches Traditionsunternehmen definiert und dessen weltweite Niederlassungen weitgehend autonom arbeiten.
Die Umstellung der Unternehmenssprache selbst stellt sich als komplexer Prozess dar: Mitarbeiter müssen überzeugt, Fremdsprachenkenntnisse getestet, Schulungsprogramme erarbeitet, die Texte und Datenbanken des Unternehmens geändert werden. Dabei können Schwierigkeiten mit beträchtlichen wirtschaftlichen Folgen für Unternehmen und Mitarbeiter entstehen, etwa Kommunikationsstörungen, durch fehlende Sprachkenntnisse oder psychologische Barrieren bedingte Reduktion von Mitarbeiterleistungen oder auch fragwürdige Personalentscheidungen, die durch mangelnde Differenzierung zwischen Fremdsprachenkompetenz und Fachkompetenz hervorgerufen werden.
Die Ursachen dieser Schwierigkeiten scheinen zum überwiegenden Teil darin zu liegen, dass die Veränderung des Sprachgebrauchs in vielen Unternehmen nicht als planbarer oder planungswürdiger Bereich wahrgenommen und daher nur in wenigen Fällen systematisch vorbereitet wird. Beispiele zeigen, dass die meisten Probleme leicht reduziert oder gar vermieden werden können, wenn die Umstellung der Unternehmenssprache als Sprachenplanung begriffen und in die langfristige Unternehmensplanung integriert wird. Dazu habe ich auf der Grundlage von linguistischen Konzepten zur Sprachenplanung in Staaten und internationalen Organisationen ein erstes Modell entwickelt.
Es würde mich sehr freuen, wenn meine Arbeit dazu beitrüge, das kritische Verständnis für den Sprachwandel in der Wirtschaft zu erhöhen und diesen Prozess in Zukunft besser zu steuern.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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