Würdigung und Danksagung

Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an
Frau Dr. phil. Maren-Gia Toussaint
Kunstgeschichtliches Seminar, Universität Hamburg

Die Frage, wie Bilder die Ideenwelt der Menschen formen, wird heute bei der Allgegenwart der Bildmedien häufig gestellt; dass sie einen ertragreichen Zugang auch zur Erforschung der Kultur des Mittelalters eröffnet, hat Dr. Maren-Gia Toussaint beispielhaft vorgeführt. In ihrer Dissertation konnte sie zeigen, wie das Andachtsbuch der böhmischen Prinzessin Kunigunde durch die kalkulierte Kombination von Lektüre, Bildbetrachtung und Meditation zu einer religiös aufgeladenen Lebensführung anleitet, bei der sich höfischer Anspruch mit klösterlicher Demut und Frömmigkeit verbindet. In der exemplarischen Zusammenführung von Methoden und Gegenständen der Kunst- und Frömmigkeitsgeschichte gelang damit zugleich die umfassende Rekonstruktion einer mittelalterlichen Lebens- und Vorstellungswelt.

Hamburg, am 21. November 2003

(Prof. Dr. Helmut Greve) (Prof. Dr. h. c. Hannelore Greve)
Stiftungsvorstand

 

Danksagung von Dr. Maren-Gia Toussaint

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr verehrtes Ehepaar Greve, meine sehr geehrten Damen und Herren!

Es erfüllt mich mit großer Freude und Dankbarkeit jenem kleinen Kreise anzugehören, der heute den Förderpreis der Dr. Helmut und Hannelore Greve Stiftung für Wissenschaften und Kultur entgegennehmen darf. Die Verleihung dieses Preises beruht auf der Initiative einiger Menschen, denen ich an dieser Stelle ausdrücklich danken möchte. Als Stiftern gilt mein Dank zunächst Ihnen, verehrtes Ehepaar Greve, sowie dem Vorstand der Joachim Jungius-Gesellschaft, namentlich Herrn Professor Dr. Heimo Reinitzer, der meine Arbeit für die Auszeichnung vorgeschlagen hat. Besonders danken möchte ich auch meinem akademischen Lehrer und Doktorvater, Herrn Professor Dr. Bruno Reudenbach, ohne dessen wohlwollende Unterstützung und Förderung ich heute nicht hier stünde.
Doch ist noch eine weitere Person am Gelingen des Werkes nicht ganz unbeteiligt. Gemeint ist Kunigunde von Böhmen (1256-1321), Prinzessin und Äbtissin des St. Georgsklosters zu Prag, die Sie hier in der Mitte des Dias (s.u.) sehen. Ein für diese vornehme Dame um 1312 bis 1316 individuell gestalteter Codex, das sogenannte Kunigundenpassional, stand im Mittelpunkt meiner Untersuchung. Die mit äußerst qualitätvollen Federzeichnungen illuminierte lateinische Handschrift wird in der gezeigten Dedikationsszene vom Verfasser der Texte, dem Dominikaner Colda - unten links kniend -, an die Auftraggeberin übergeben. Eindrucksvoll spiegeln die Texte und Bilder dieser Handschrift eine Welt zwischen Hof und Kloster, weltlicher und geistlicher Macht. Die weltliche Seite ist in dem Bild, das die Äbtissin mitsamt ihren Chorfrauen zeigt, nur am oberen und am seitlichen Bildrand erkennbar. Oben durch die eindrucksvolle Heraldik und am rechten Rand, etwas versteckt, durch die Zwergin, die Kunigunde aus ihrem Hofleben ins Kloster mitgenommen und kurzerhand als Nonne eingekleidet hat.
Als Beichtvater und Seelenführer der hochadligen Äbtissin weist Colda ihr den Weg zur Heiligkeit, um sie gleichzeitig als Heilige zu stilisieren. Wie das Bild zeigt, erhält Kunigunde die Krone des ewigen Lebens bereits zu Lebzeiten - ein Vorgang, der vor dem Hintergrund der damals geläufigen Vorstellung von Geblütsheiligkeit verständlich ist.
Doch bedurfte es nicht nur der Abstammung aus einem sich selbst als sacra stirps begreifenden Königshaus, um des himmlischen Lohnes teilhaftig zu werden. Neben guten Werken sollte auch die Seele rein, d.h. den Anfechtungen des Bösen gewachsen sein. Colda schildert das irdische Leben als Kampf, die menschliche Seele als Schlachtfeld. Um in diesem Kampf gegen den Widersacher zu bestehen, wird Kunigunde ein ganzes Arsenal geistlicher Waffen empfohlen, die sogenannten arma Christi - jene Werkzeuge, durch die Christus die Passion erlitt, wie Geißel, Lanze und Kreuz. Ausführlich in Wort und Bild vorgestellt, propagiert Colda den steten spirituellen Gebrauch jener Waffen zur Reinigung der Seele und zur Vorbereitung auf den künftigen himmlischen Wohnort, der ebenfalls in allen Details geschildert wird.
Neben der Anleitung zum Gewinn himmlischen Heils, die als Quelle weiblicher Spiritualität einen selbständigen Platz beanspruchen dürfen, läßt die spezielle Gestaltung des Text-Bild-Verhältnisses neue Erkenntnisse über die Rezeption von Andachtsbild und Andachtstext zu. Beim Lesen und Betrachten der Handschrift wendet sich der Blick sowohl auf deren Bilder als auch ins Innere der Seele. Dabei kommt den inneren, oft über den Text gesteuerten Bildern hohe Bedeutung zu. Seelische Imaginationen können mit den Illustrationen in eine Wechselbeziehung treten, so daß sich der Rezipientin weitere Bildwelten erschließen, innerhalb derer die Grenzen der Realität aufgehoben werden und das bildhafte Gestalt annehmende Transzendente in die Wirklichkeit einbricht. Auf diese Weise öffnet sich ein Weg, biblische Heilsereignisse nicht nur zu memorieren, sondern auch aktuell bildhaft zu erleben.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

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