Würdigung
Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft
der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an
Frau Dr. rer. nat. Liliya Serazetdinova
Institut für Allgemeine Botanik und Botanischer
Garten, Universität Hamburg
Weltweit geht jährlich etwa ein Drittel der Pflanzenernte verloren. Diese Verluste werden primär durch Insekten und Pilzkrankheiten verursacht. Im Rahmen ihrer ausgezeichneten Doktorarbeit hat Frau Dr. Liliya Serazetdinova völlig neue Wege zur Verbesserung der Krankheitsresistenz bei Weizen beschritten. Resistenzgene wurden aus der Weinrebe und der Waldkiefer isoliert und mit gentechnischen Methoden in Weizen übertragen. Es wurden transgene Pflanzen erzeugt, welche die übertragenen Gene bei Pilzbefall aktivieren. Diese neuartigen Pflanzen besitzen einerseits eine verbesserte Krankheitsresistenz und eröffnen andererseits Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz.
Hamburg, am 22. November 2002
(Prof. Dr. Helmut Greve)
(Dr. h. c. Hannelore Greve)
Stiftungsvorstand
Danksagung von Dr. Liliya Serazetdinova
Sehr geehrter Herr Präsident,
sehr verehrtes Ehepaar Greve, meine sehr geehrten Damen und Herren,
mit großer Freude habe ich erfahren, dass meine Doktorarbeit
mit dem Preis "Der Dr. Helmut und Hannelore Greve Stiftung
für Wissenschaften und Kultur" ausgezeichnet wurde.
Das ist eine große Ehre für mich und meine Familie.
Es ist gleichzeitig eine Ehre für mein Land, da soweit ich
weiß, noch kein Preisträger aus Kasachstan hier gestanden
ist. Ich bedanke mich ganz herzlich sowohl bei den Stifter des
Preises, dem Ehepaar Greve, als auch bei der Joachim-Jungius Gesellschaft
der Wissenschaften.
Ich betrachte diese Auszeichnung nicht nur als meinen privaten
Verdienst, sondern auch als Verdienst meines Betreuers, Prof.
Dr. Horst Lörz, der für mich während meiner Doktorarbeit
ein Doktorvater im vollem Sinne dieses Wortes war. Ich bedanke
mich bei meiner Familie in Kasachstan, bei allen meinen Kollegen
aus der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Horst Lörz sowohl bei
der Familie Haak, die für mich zu meiner zweiten Familie
in Hamburg geworden ist als auch bei meinen Freunden. Dieses soziale
Umfeld spielte und spielt immer noch eine wichtige Rolle für
meine berufliche Entwicklung.
Nun zu dem Inhalt meiner Arbeit: Die Geschichte der Menschen ist
mit der Entwicklung von Pflanzenanbau und Züchtung der Kulturpflanzen
unzertrennlich verbunden. Seit Jahrhunderten wurde versucht, durch
Kreuzungen und Selektion neue Kultursorten zu entwickeln. Heute
werden traditionelle Züchtungsmethoden zunehmend durch den
Einsatz der unkonventionellen bio- und gentechnologischen Methoden
ergänzt und effizienter gemacht. Dank der Erkenntnisse der
Genetik und insbesondere der Molekularbiologie ist es heute möglich,
einzelne Eigenschaften der Pflanze gezielt zu verändern und
damit bestimmte züchterische Ziele zu erreichen. Um es bildlich
auszudrücken, es ist möglich einen neuen Update in den
Computer zu installieren und damit eine zweckmäßige
Verbesserung unseres PCs zu erreichen, ohne das ganze Rechner
ersetzen zu müssen.
Bei den Arbeiten zu meiner Dissertation habe ich einen biotechnologischen
Ansatz angewandt, um die Pilzresistenz von Getreidepflanzen zu
verbessern. Pilzliche Krankheitserreger sind nicht nur für
die enorme Ertragseinbußen sondern auch für die Akkumulation
toxischer Substanzen, sogenannter Mykotoxinen, in Futter- und
Lebensmitteln verantwortlich. Vielen ist vielleicht die Krankheit
Mutterkorn bekannt. Mutterkorn (Ergotismus, früher St. Antonius-Feuer
genannt) hat in vergangenen Zeiten zu schrecklichen Massenvergiftungen
geführt. Die in Mutterkorn enthaltenen Mykotoxine wirken
als Nervengift und verursachen äußerst schmerzhafte
Krämpfe, oftmals mit tödlichem Ausgang.
Der Ausbreitung der Pilzerkrankungen wirken zahlreiche Bekämpfungsmaßnahmen
entgegen, die neben Anbaumaßnahmen, wie Fruchtrotation und
Saatgutkontrolle, auch chemische Bekämpfung umfassen, die
ein großes Umweltrisiko darstellt.
Grundlage der alternativen Pflanzenschutzmaßnahme ist die
Übertragung zusätzlicher resistenzvermittelnder Gene
in anfällige Kultursorten. Dieses Verfahren hat zum Ziel,
Pflanzen einen biologischen Schutzmechanismus gegenüber Krankheitserregern
zu verleihen, um dadurch eine chemische Bekämpfung erheblich
zu reduzieren oder gänzlich darauf zu verzichten.
In meinen Untersuchungen habe ich drei Gene, zwei davon aus Weinrebe
und ein aus Waldkiefer, im Hinsicht auf ihre potentielle Wirkung
für die Verbesserung der Pilzresistenz in Weizen untersucht.
Die Produkte der Aktivität dieser Gene gehören zu antimikrobiellen
Substanzen, die in der Pflanze bei Abwehr- und Stressreaktionen
eine bedeutende Rolle spielen. Gerade solchen Substanzen wird
die heilkräftige Wirkung bei Arznei- und Heilpflanzen verdankt.
Die Synthese dieser Substanzen wird durch Pilzbefall oder schädliche
Umweltfaktoren aktiviert. Hohe Konzentrationen dieser Substanzen
sind in der Lage, das Wachstum und die Verbreitung des Pathogens
zu beschränken und gleichzeitig weitere Schutzmechanismen
der Pflanze zu aktivieren. Diese Reaktionen stellen einen biologischen
Schutzmechanismus gegen Pilzerkrankungen dar.
Zu Beginn meiner Arbeit wurden die dafür kodierenden Gene
in einigen Kulturpflanzen übertragen und eine erhöhte
Resistenz vermittelt. Allerdings wurden dafür in den meisten
Ansätzen die Strategien gewählt, in denen diese antimikrobielle
Produkte ständig in der ganze Pflanze vorhanden waren. Im
Gegensatz dazu werden bei den natürlichen Abwehrrektionen
diese Substanzen nur nach Pilzbefall oder Stresseinfluß
synthetisiert. Ständige Akkumulation dieser Substanzen führte
zum Beispiel in Tabak zu männlicher Sterilität durch
die Verschiebung des ganzen Stoffwechsels der Pflanze. Um diese
und weitere negative Einflusse für den Stoffwechsel der Pflanze
zu vermeiden, habe ich eine Strategie gewählt, die der natürlichen
Situation am Nähesten entspricht. Um die Synthese dieser
antimikrobieller Substanzen in Weizen nach Pilzbefall zu aktivieren,
wurden von mir die regulatorischen Sequenzen aus Weinrebegenom
eingesetzt. Demzufolge habe ich die entsprechenden Genkonstrukte
hergestellt. Diese Genkonstrukte wurden mit Hilfe einer DNA-Transformationsmethode,
die auf dem Einschleusen von den beschleunigten, mit DNA beschichteten
Goldpartikeln in die Pflanzenzelle basiert, in Weizen übertragen.
Mit Hilfe von Gewebe- und Zellkulturtechnik wurden transgene Pflanzen
selektiert und regeneriert, die die entsprechenden Gene integriert
haben. Es wurde festgestellt, dass infolge der Aktivität
der eingebrachten Gene in Weizen einige Substanzen akkumuliert
werden, die für diesen Pflanzenart nicht charakteristisch
sind und dass diese Substanzen zu der gleichen Klasse der Stoffe
gehören, die in Weinrebe und Waldkiefer vorkommen. Folglich
habe ich die Resistenzeigenschaften bei Nachkommen dieser transgenen
Pflanzen analysiert und habe gezeigt, dass diese eine erhöhte
Resistenz gegenüber dem Braunrosterreger zeigen. Zusammenfassend
möchte ich sagen, dass die Ergebnisse meiner Arbeit die Erkenntnisse
bezüglich der Verwendung dieser Gene für die Verbesserung
der Pilzresistenz bei Getreidepflanzen, liefern, die als Alternative
zum chemischen Pflanzenschutz dienen kann.
Noch viele Fragen müssen weiter aufgeklärt werden, um
die Anwendung dieser Ergebnisse in der Praxis durchzuführen.
Viele Interessante Nebenresultate sollen in weiteren Untersuchungen
überprüft und getestet werden. So stellt ein Abschluss
jeder wissenschaftlichen Arbeit die Fragestellung für die
Nächste.
Bemerkenswert ist, dass in einer Zeit, in der die Zukunft der
Gentechnik in unserer Gesellschaft so kontrovers diskutiert wird,
die Joachim-Jungius Gesellschaft auszeichnet meine Arbeit mit
einem ehrenswerten Preis. Es ist für mich ein Zeichen dafür,
dass die Perspektiven und großen Chancen der Gentechnik
im universitärem Bereich positiv betrachtet werden.
Ich bedanke mich nochmals ganz herzlich für diese Auszeichnung,
die für mich als Stimulus für eine weiterhin begeisternde
wissenschaftliche Tätigkeit dienen wird.