Würdigung

Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften verleiht die
HAMBURGISCHE STIFTUNG FÜR WISSENSCHAFTEN,
ENTWICKLUNG UND KULTUR HELMUT UND HANNELORE GREVE
den Förderpreis an
Herrn Dr. phil. Jan-Christian Schwarz
Germanistisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

In seiner Dissertation behandelt Herr Dr. Jan-Christian Schwarz erstmals das aus den Originalquellen schriftgetreu erstellte Namenkorpus der unter dem Namen Neidhart überlieferten rd. 1500 mittelalterlichen Liedstrophen. Die umsichtige namentheoretische Fundierung nach linguistischen und textkritisch-pragmatischen Aspekten und die stets sichere Handhabung verschiedener Methoden bei der Analyse der für die Struktur literarischer Werke wichtigen Namen, dazu die profunde Kenntnis der mittelhochdeutschen Quellen und der umfangreichen Sekundärliteratur weisen den Verfasser als kompetent-kreativen Forscher aus. Die durch exakte Analyse erarbeiteten 410 Namenmuster mit 1240 Realisierungen zeigen die bunte Vielfalt der neidhartschen Namenwelt, die sich nicht in das von der Forschung durchweg als Bauernsatire gezeichnete Bild eindimensional einfügen lässt. Es zeigt sich zwar, dass durch die mit negativen Vorstellungen konnotierten Namen die so genannte "dörperliche" Welt widergespiegelt wird, dass aber in ähnlicher Weise auch der ritterliche Gegenpart in das als verwerflich gekennzeichnete Geschehen der aus den Fugen geratenden Ständegesellschaft vom Dichter bewusst irritationsstrategisch mit einbezogen wird. Die sowohl namentheoretisch als auch namenpraktisch preiswürdige Arbeit liefert einen grundlegenden Beitrag für die als eigenständiges Forschungsgebiet etablierte literarische Onomastik.

Hamburg, am 26. November 2004

(Prof. Dr. Helmut Greve) (Prof. Dr. h. c. Hannelore Greve)
Stiftungsvorstand

 

Danksagung von Dr. Jan-Christian Schwarz

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr verehrtes Ehepaar Greve, meine sehr geehrten Damen und Herren,
mit großer Freude und Dankbarkeit habe ich die Mitteilung über die Zuerkennung des Förderpreises der Hamburgischen Stiftung für Wissenschaften, Entwicklung und Kultur Helmut und Hannelore Greve aufgenommen. Ehe ich meine Forschun-gen kurz skizziere, möchte ich die Chance nutzen, Ihnen, dem Stifterehepaar Professores Greve und der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften, meinen zutiefst empfundenen Dank auszusprechen. Es ist ein Dank, in den ich auch meinen Doktorvater, Herrn Prof. Debus, einbeziehen möchte, der mich mit großem Engagement bei der Suche nach materieller und ideeller Förderung unterstützt hat. Ich kann ohne Übertreibung sagen, dass mir ein Weiterkommen im wissenschaftlichen Bereich, konkret: die Fertigstellung und Drucklegung meiner Dissertation, ohne diese Förderungen nicht möglich gewesen wäre. Denn immer noch ist es bekanntlich so, dass eine Promotion in den Geisteswissenschaften finanziell wenig bis gar nichts einbringt, dafür aber eine Menge an Aufwendungen nötig macht.
In einem gewissen Sinne hat sich daran seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden nichts geändert. Schließlich stammt ja das Wort "Mäzen" selbst aus der Antike und ist auf den Römer Maecenas als Förderer des kulturellen und wissenschaftlichen Lebens zurückzuführen. Tröstlich mag es einem vorkommen, dass selbst etliche der ganz Großen aus Kunst und Wissenschaft darauf angewiesen waren, dass ihnen jemand unter die Arme griff. Lassen Sie mich nachfolgend nur einen dieser Großen hervorheben, denn sein Beispiel führt uns fast direkt zum Thema meiner Dissertation.
Ich spiele auf Walther von der Vogelweide an, der ein Berufsdichter an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert war und von Hof zu Hof zog, um seine Sangeskunst zu präsentieren. Er fand in Wolfger von Erla, dem Bischof von Passau und späteren Patriarchen von Aquileja, seinen Gönner und Förderer. Wir wissen von dieser Verbindung, weil in den Reiserechnungen des Wolfger fünf "lange Schillinge" für einen Pelzrock vermerkt sind, die ein cantor de vogelweide bei Zeiselmauer erhalten hat. Wir dürfen sicher annehmen, dass dieses Geld als Stipendium für das Kunstschaffen Walthers zu verstehen war, zumal Wolfger auch in anderen Zusammenhängen als Förderer der Kultur aufgetreten ist.
Von einem anderen mittelalterlichen Dichter, der noch produktiver war als Walther, fehlt leider ein vergleichbares urkundliches Zeugnis: Ich meine Neidhart, genannt "von Reuental". Die Ungewissheiten, die bei den schlichten Lebensumständen beginnen, erschweren eine Beschäftigung mit diesem Sänger, machen sie aber deshalb nicht weniger spannend. Und so habe ich mich in meiner Dissertation diesem Kunstschaffenden zugewandt, dessen Dasein als fahrender Sänger sich von dem Walthers kaum unterschieden haben dürfte. Der Ansatz meiner Untersuchung ist allerdings nicht so sehr biografischer Art, sondern umfasst onomastische, literaturwissenschaftliche und volkskundliche Zusammenhänge. Konkret geht es in meiner Dissertation mit dem Titel "derst alsô getoufet daz in niemen nennen sol" darum aufzuzeigen, inwieweit bereits im Mittelalter literarische Namen das Ihre zur Ausgestaltung von fiktionalen Sphären beitrugen. Meine Arbeit widmet sich unter anderem der Frage, inwieweit die bei Neidhart vorkommenden Bauernnamen wie z. B. Hebenstreit ("Beginn-den-Streit") und Hasenruß ("Hasenkot") eine bestimmte Neidhart-Liedsituation als gewalttätig oder abstoßend erscheinen ließen. Denn darum geht es bei Neidhart: anmaßende, sich tölpelhaft und gleichzeitig exzessiv verhaltende Bauernnarren, die einmal einem adligen Rittersänger zu nahe treten, ein anderes Mal mit einer weiblichen Dorfschönheit aufs Derbste verkehren und sich darüber in wilden Schlägereien verzetteln.
Neidharts Lieder werden in insgesamt 25 Handschriften und drei Drucken überliefert. Kaum ein Textkorpus ist dabei so umstritten wie dasjenige Neidharts, hat doch besonders die germanistische Philologie des 19. Jahrhunderts versucht, all diejenigen Lieder als "nicht-neidhartisch" auszusortieren, die in irgendeiner Form "schmutzig" oder frivol waren. Da einem Dichter, den man gern in einer Linie mit Walther oder Goethe sehen wollte, solches wohl kaum aus der Feder geflossen sein konnte (so zumindest die damalige Auffassung), schrieb man die derberen Lieder unbekannten Nachdichtern zu und sonderte sie aus den Handschriften-Editionen aus.
Selbstverständlich können solche moralisierenden Maßstäbe des 19. Jahrhunderts nicht mehr die Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens im 21. Jahrhundert sein. Und inzwischen ist ja auch hinreichend bekannt, dass selbst Lieder und Gedichte von z. B. Walther oder Goethe bei genauerer Betrachtung durchaus Derbes beinhalten.
Ganz im Sinne der aktuellen Forschungsansätze habe ich deshalb für meine Dissertation die Über­lieferung in der Form ernst genommen, wie sie sich uns aus dem Mittelalter präsentiert. Konkret heißt das, dass ich alle Lieder als "Neidharte" angesprochen habe, die unter dem Namen Neidharts aus dem 13. bis 15 Jahrhundert auf uns gekommen sind. Schwerpunktmäßig habe ich mich auf die Originale der beiden größten Neidhart-Handschriften gestützt. Es sind dies die Handschrift R aus dem 13. Jahrhundert und die Handschrift c aus dem 15. Jahrhundert. Zusammen enthalten sie weit über 1100 der insgesamt 1500 Neidhart-Strophen. Aus diesen einzelnen Strophen habe ich in einem ersten Schritt das Namenmaterial gesondert und katalogisiert, um es in einem zweiten Schritt jedoch wieder in die literarischen Zusammenhänge einzubetten und mit Blick auf das Zusammenspiel mit den Liedinhalten zu untersuchen. Neben der bereits erwähnten Wirkung von sprechenden Namen (vgl. Hebenstreit, Hasenruß) geht es in meiner Dissertation beispielsweise noch um den Einsatz von Namen, die auf Helden, Heilige oder Fürsten anspielen und ebenso um den Einsatz von Namentabus, wie wir sie außerliterarisch beispielsweise im Zusammenhang mit dem Teufel finden. Die am negativsten gezeichneten Bauerntölpel werden nämlich mitunter auch "der Ungenannte" gerufen, was auf den Teufelsaberglauben "Wird er genannt, kommt er gerannt" und den Wunsch, Schaden möglichst abzuwenden, zurückgeführt werden darf.
Aus Zeitgründen übergehe ich weitere Aspekte und stelle Ihnen darum das Fazit meiner Analyse des Neidhartschen Namenmaterials vor: Das Bild, das sich nach meiner Untersuchung der Neidhart-Lieder und -Strophen bietet, ist ein vielseitiges und hält einige Überraschungen parat. Gleichzeitig ist es wiederum nicht so vielseitig, dass es die These der moralisierenden Kritiker aus dem 19. Jahrhundert stützen könnte. Vielmehr zeigt sich für nahezu alle Strophen, dass die Namenlandschaft mit Bedacht kreiert wurde und die unterschiedlichen Tendenzen der jeweiligen literarischen Sphäre stützt. Das Spiel mit den Namen innerhalb der Lieder wird bei Neidhart filigran sogar auf den Autor ausgedehnt, der als "Nithart" oder "der von Riuwental" in Gestalt einer ritterlichen Sängerfigur in die Liedsituationen integriert wird und somit als handfester Gegner der Bauernburschen im fiktionalen Spielfeld auftritt. Dieser Umstand erschwert eine Beschäftigung mit Neidhart abermals, dessen Texte fast im postmodernen Sinne ein Eigenleben führen und ihren Autor "sterben" lassen. Gleichzeitig machen sie ein wissenschaftliches Vorhaben wie das meine zu einem Unternehmen, das über zwei Jahre durchaus Spaß bereitete - ein Spaß, der angesichts der frivolen Texte mitunter sogar in Erheiterung umschlagen konnte, die den pikierten Philologen des 19. Jahrhunderts zu meinem Bedauern freilich vollständig vorenthalten blieb. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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