Würdigung und Danksagung

Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an
Herrn Dr. phil. Benjamin Schnieder
Philosophisches Seminar, Universität Hamburg

In unserer Weltorientierung spielen die Kategorien Attribut (mehrfach exemplifizierbare Eigenschaft), Akzidens (partikularisierte Eigenschaft) und Substanz (etwas, dem Akzidenzien inhärieren und das Attribute exemplifiziert) eine fundamentale Rolle, um deren systematische Aufklärung sich Aristoteles als erster bemüht hat. In kritischer Auseinandersetzung mit den wichtigsten Beiträgen der zeitgenössischen analytischen Ontologie angelsächsischer Provenienz zeigt Herr Dr. Schnieder in seiner Dissertation, dass man die Beziehungen zwischen den Gegenständen jener drei Kategorien mit den Mitteln der Formalen Semantik, der Modallogik und der Mereologie exakt bestimmen kann. Er leistet damit einen bedeutenden Beitrag zur Erneuerung der Metaphysik.

Hamburg, am 21. November 2003

(Prof. Dr. Helmut Greve) (Prof. Dr. h. c. Hannelore Greve)
Stiftungsvorstand

 

Danksagung von Dr. Benjamin Schnieder

Sehr geehrter Herr Präsident, verehrtes Ehepaar Greve, sehr geehrte Damen und Herren.

Meine Freude, mit dieser Anerkennung und dem verbundenen Förderpreis ausgezeichnet zu werden, ist naturgemäß groß, und ebenso ist es mein Dank. Er gilt natürlich Ihnen, geehrte Frau Greve, geehrter Herr Greve, als Stiftern des Preises, und er gilt der Joachim-Jungius Gesellschaft für den Vorschlag meiner Person. Besonders dankbar bin ich zudem Herrn Professor Kevin Mulligan und Herrn Professor Wolfgang Künne für ihren wirklich vorbildlichen Einsatz in der Betreuung meiner Arbeit.
Obschon mein Dank zunächst ganz persönlicher Natur ist, hat er zudem auch einen weniger persönlichen, eher stellvertretenden Aspekt; ich bin dankbar, dass es in diesen Zeiten Stiftungen gibt, die wissenschaftliche Arbeiten nach Kriterien der Wissenschaftlichkeit anstelle von Kriterien der gewinnträchtigen Verwertbarkeit beurteilen und würdigen. Dies ist eine leider nicht mehr selbstverständliche Tatsache im Wissenschaftsbetrieb, und dieser Umstand wiederum eine echte Bedrohung der Wissenschaft.
Tatsächlich ist es mit der gewinnträchtigen Verwertbarkeit meiner Arbeit wohl nicht so weit her. Das Thema meiner Dissertation ist zwar altehrwürdig, aber zugleich hochgradig abstrakt und spezialisiert. Sie ist ein Beitrag zur analytischen Ontologie, genauer gesagt, eine Untersuchung dreier ontologischer Kategorien: der des Universale, des individuellen Akzidens, und schließlich der Substanz.
Das nun wird bei kaum einem Fachfremden irgendwelche Glocken klingeln lassen. Man kann sich aber mit den drei Kategorien, die Gegenstand meiner Untersuchung waren, anhand einer einfachen Aussage ein wenig vertraut machen: Betrachten wir dazu die Aussage "Sokrates war blass".
Der Umstand, der in ihr zur Sprache kommt, betrifft offenbar Sokrates - und dieser ist ein typisches Beispiel für eine Substanz. Substanzen sind Dinge in einem weiten Sinne des Wortes - lebende wie unbelebte Dinge, Personen und Pferde, ebenso wie Petroleumleuchten und Planeten.
Die Aussage "Sokrates ist blass" hat also mit einer Substanz, aber nicht nur mit einer Substanz zu tun; denn sie impliziert, dass Sokrates eine bestimmte Beschaffenheit hatte - nämlich Blässe. Diese Beschaffenheit kommt, man weiß es, vielen Leuten zu. Wir haben es hier mit einem Universale zu tun, einer Beschaffenheit verstanden als gemeinsamem Merkmal verschiedener Dinge.
Dass Sokrates blass war, hat also neben einer bestimmten Substanz auch etwas mit einer bestimmten Beschaffenheit, verstanden als Universale, zu tun. Doch manchmal verstehen wir unter einer Beschaffenheit etwas, das inniger mit dem Gegenstand verknüpft ist, dem sie zukommt. Blässe ist ein Merkmal, das kann ich kaum leugnen, das ich mit Sokrates teile. Aber während Sie meine Blässe sehen können, darf ich wohl davon ausgehen, dass niemand von Ihnen je die Gelegenheit hatte, Sokrates' Blässe in Augenschein zu nehmen. Manchmal verstehen wir unter einer Beschaffenheit etwas, das einer Substanz quasi anhaftet, das man möglicherweise sehen oder anderswie wahrnehmen kann, das individuelle Wirkungen hervorrufen kann, und das zusammen mit seinem Träger aus der Welt scheidet. Dann versteht man unter einer Beschaffenheit kein Universale sondern ein individuelles Akzidens.
Das also sind die drei Kategorien, die ich in meiner Arbeit diskutiere. Die wesentliche Idee, die ich dabei verfolge, und die ich mit Mitteln der formalen Logik und der modernen Sprachphilosophie präzisiere, ist bereits bei Aristoteles zu finden: Substanzen genießen eine bestimmte Priorität vor Universalien und Akzidentien. Wir verstehen Beschaffenheiten (in beiderlei Sinn) im wesentlichen als Beschaffenheiten von Substanzen, nämlich dadurch, dass wir verstehen, wie Substanzen beschaffen sind.
Und was bringen einem nun solche Überlegungen? Sie geben Einblick in grundlegende begriffliche Strukturen unseres gedanklichen und sprachlichen Zugangs zur Welt. Bringen sie noch mehr als das? Hin und wieder meint das der eine oder andere Philosoph. Als etwa Mailand von der Pest heimgesucht wurde, so weiß Allessandro Manzoni zu berichten, da stellte der Privatgelehrte Don Ferrante die folgende Überlegung an: alles, das in in rerum natura anzutreffen ist, muss eines von beiden sein: Substanz oder Akzidens. Die Pest aber ist offensichtlich keine Substanz. Bleibt mithin, dass es sich bei ihr um ein Akzidens handelt. Doch Akzidentien, so erinnerte sich Don Ferrante aus der Lehre der Scholastik, haften an ihrer Substanz. Sie können nicht wandern, von einer Substanz zur andern. Die Pest aber ward ja gerade wegen ihrer angeblichen Übertragbarkeit gefürchtet. So schloss unser Gelehrter denn messerscharf, dass die Pest weder Substanz noch Akzidens sei, und daher überhaupt nicht vorhanden. Durch seine Deduktion beruhigt traf er keinerlei Vorsichtsmaßnahmen gegen die Pest und erlag ihr zwei Wochen darauf.
Und die Moral von der Geschichte? Wir sollten nicht zuviel erwarten von der Ontologie.

Ich danke für ihre Aufmerksamkeit.

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