Würdigung und Danksagung

Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an
Herrn Privatdozenten Dr. Thomas Schmitz
Institut für Klassische Altertumskunde, Universität Kiel

Dr. Thomas Schmitz wurde promoviert mit einer Dissertation über die Rezeption des griechischen Lyrikers Pindar in der französischen Renaissance, eine Arbeit, die sich durch umfassende Kenntnis der antiken ebenso wie der neulateinischen und vernakularen Literatur der Renaissance sowie eine souveräne Handhabung der Methoden moderner Literaturwissenschaft auszeichnet, so daß dieser Beitrag nicht nur lebhafte Resonanz gefunden, sondern auch zu Folgearbeiten über Nachwirkungen antiker Literaturen geführt hat. Sodann befaßte er sich insbesondere mit der Kultur des kaiserzeitlichen Griechenland, wobei er in seiner Habilitationsschrift des Jahres 1996 die soziale und politische Funktion untersuchte, welche die damals berühmten umherziehenden Schauredner in öffentlichen Auftritten ausübten, wobei sich die Analyse nicht nur auf größtenteils wenig bekannte literarische Werke sondern auch auf Gebrauchstexte wie Lexika, rhetorische Handbücher, umfangreiches inschriftliches Material sowie numismatische und archäologische Dokumente stützte, so daß insbesondere unter Anwendung von Analysemethoden des New Historicism und der Soziologie Pierre Bourdieus ein innovatives und überzeugendes Gesamtbild der Kultur des kaiserzeitlichen Griechenland herausgearbeitet werden konnte, welches die soziale Funktionalität kultureller Phänomene in einer Arbeit zusammenfaßt, die vielfache Möglichkeiten für interdisziplinäre Ansätze bietet, weil sie auf dem Schnittpunkt von Klassischer Philologie, Alter Geschichte, Literatursoziologie und Literaturwissenschaft liegt.
 
Hamburg, den 21. November 1997

(Dr. Helmut Greve)      (Hannelore Greve)

Stiftungsvorstand
 

Danksagung von Dr. Thomas Schmitz
 
Sehr geehrter Herr Präsident, verehrtes Ehepaar GREVE, meine sehr verehrten Damen und Herren!
Mit großer Freude habe ich in Amerika erfahren, daß meiner Forschungsarbeit von der Joachim-Jungius-Gesellschaft der Förderpreis der “Dr. Helmut und Hannelore Greve Stiftung für Wissenschaften und Kultur” zuerkannt worden ist, und ich möchte Ihnen allen, insbesondere aber dem Ehepaar GREVE meine Dankbarkeit für diese Auszeichnung zum Ausdruck bringen. Sie bedeutet mir sehr viel, und ich verstehe sie nicht so sehr als Anerkennung vergangener Leistung denn als Ansporn für zukünftige Forschung. Mein Dank gilt heute auch Herrn Prof. Dr. ERNST-RICHARD SCHWINGE, der meine wissenschaftliche Arbeit am Institut für Klassische Altertumskunde der Universität Kiel stets begleitet und gefördert hat. Seine Unterstützung ermöglichte mir dort kontinuierliches, fruchtbares Forschen, ohne das eine wissenschaftliche Leistung nicht zustandekommen kann.
Gegenstand meiner Habilitationsschrift, die im Sommer dieses Jahres in der Reihe “Zetemata” des Beck-Verlages veröffentlicht wurde, ist ein Phänomen der griechischen Literaturgeschichte, das Nicht-Fachleuten wenig bekannt sein dürfte und dessen Bewertung die Altertumswissenschaftler vor Probleme gestellt hat. Während des zweiten und dritten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung existierte in der östlichen, griechischsprachigen Hälfte des römischen Reiches eine besondere Form rhetorischer Betätigung, die gemeinhin mit dem Namen “zweite Sophistik” bezeichnet wird. Ihre Vertreter waren häufig Männer in hoher gesellschaftlicher Stellung, wohlhabend und einflußreich; nicht selten hatten sie sogar hohe politische Ämter inne. Sie stellten ihre Redekunst gerne auf ausgedehnten Tourneen durch griechische Städte zur Schau, wobei ihre Auftritte so sorgfältig inszeniert waren und ein so großes Publikum anzogen wie heutzutage vielleicht das Gastspiel eines berühmten Opernstars. Treffend hat man diese Männer daher “Konzertredner” genannt.
Kernstück ihrer virtuosen Darbietungen war meist die improvisierte Rede über imaginäre Themen der klassischen griechischen Geschichte. Was dies bedeutet, wird vielleicht am ehesten deutlich, wenn wir es in unsere Zeit transponieren: Man stelle sich einen Redner vor, der sich vom Publikum Themen für seinen Vortrag vorschlagen läßt. Alle stammen aus der deutschen Geschichte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Die Versammlung stimmt schließlich für “Luther erläutert dem Papst seine Ideen zur Reformierung der Kirche”. Unser Redner bekommt einige Minuten Bedenkzeit, dann improvisiert er diese Rede, natürlich im Deutsch der Lutherzeit. Unter den Zuhörern findet sich eine Vielzahl von guten Kennern der Materie – ortsansässige Gelehrte und Intellektuelle, durchreisende Virtuosen, Studenten der Rhetorik. Sobald der Vortrag beendet ist, verwickeln sie den Vortragenden in lange Diskussionen: War dieses historische Detail wirklich richtig, hat Luther jenes Wort oder jene Verbform schon verwendet? Dies alles dauert Stunden, und eine riesige Menge von Hörern folgt fasziniert dem Vortrag und der hitzigen Debatte.
Gewiß erscheint Ihnen eine derartige Vorstellung absurd. Den meisten Klassischen Philologen erging es bei der Betrachtung der zweiten Sophistik nicht anders, und daher taten sie sich schwer, eine sinnvolle Interpretation zu finden. Häufig wurde sie als sterile Spielerei einer dekadenten Verfallszeit abgetan. Meine Deutung versucht, sie im Kontext der sozialen und politischen Strukturen ihrer Zeit zu verstehen. Sophistische Beredsamkeit bildete meiner Ansicht nach ein effektives Instrument zur Legitimation politischer Macht. Herrschaftseliten haben es in den meisten menschlichen Gesellschaften nötig gefunden, ihre eigene gesellschaftliche Stellung vor ihren Mitmenschen, aber vielleicht mehr noch vor sich selbst zu begründen. Der Hinweis auf überlegene Bildung ist eine Option, diese Legitimation zu erbringen, dies um so mehr, wenn Bildungsziel nicht etwa der Erwerb von Fachwissen, sondern die Ausbildung einer allseitig vollkommenen Persönlichkeit ist. Je weiter sich Bildungsinhalte vom bloß Utilitaristischen entfernen, desto besser können sie diesen Zweck erfüllen.
Hierin sehe ich eine Erklärung für die Weltfremdheit der sophistischen Beredsamkeit. In den Schaurednern spiegelte die gesamte Oberschicht der griechischen Welt ihre eigene essentielle Überlegenheit. Idealiter waren alle Angehörigen dieser Schicht gebildet genug, um solche Auftritte zu meistern, de facto delegierte sie die Demonstration der Bildung an wenige Spezialisten, eben die Sophisten. Verständlich wird in dieser Deutung die sorgfältige Inszenierung der Auftritte: In diesen Augenblick konzentrierte sich die augenfällige Vorführung einer ideal gebildeten und daher zum öffentlichen Reden fähigen und befugten Persönlichkeit und damit einer ganzen Gesellschaftsschicht.
Vielleicht darf man wieder eine moderne Parallel ziehen. Es ist noch nicht mehr als ein Jahrhundert her, daß sich auch in Deutschland eine gesellschaftliche Elite unter anderem mittels ihrer überlegenen klassischen Bildung definierte und legitimierte, und bei einer Veranstaltung wie der heutigen wäre zumindest eine Rede in lateinischer Sprache gehalten worden. Es wäre absurd, dies als direkte Nachwirkung der zweiten Sophistik zu interpretieren, aber die Parallele erklärt ein wenig, warum ich in diesem Phänomen mehr als eine singuläre Absonderlichkeit der griechischen Literaturgeschichte zu sehen und es als sozialen und politischen Mechanismus ernstzunehmen versucht habe.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

weitere Preisträger