Würdigung und Danksagung

Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an
Herrn Dr. phil. Wolfgang Sandberger, M. A.
Musikwissenschaftliches Seminar, Universität Hamburg

Nach seinem mit der Diplomprüfung abgeschlossenen Musikstudium an der Musikhochschule in Hannover setzte Herr Dr. Wolfgang Sandberger seine Ausbildung in den Fächern Musikwissenschaft, Philosophie und Geschichte an den Universitäten Münster und Hamburg fort und befaßte sich in seiner Magisterarbeit über „Die Passionshistorien von Heinrich Schütz, eine liturgische und musikalisch-rhetorische Interpretation", mit interdisziplinären Fragestellungen, indem er die Passionsvertonungen aus der Frömmigkeitsgeschichte und aus dem Sprachverständnis des 17. Jahrhunderts heraus deutete. Mit seiner anschließenden Dissertation über „Das Bach-Bild Philipp Spittas" hat er einen wichtigen Beitrag zur Musikhistoriographie im 19. Jahrhundert geleistet und dabei mustergültig dargestellt, unter welchen Voraussetzungen und mit welchen Zielvorstellungen zu dieser Zeit eine Monographie über Joh. Sebastian Bach im Umfeld des Historismus entstanden ist, wobei sein interpreta-torischer Ansatz die philologische Methode der Quellenerschließung verbindet mit musikgeschichtlichen, theologischen, philosophischen und kirchengeschichtlichen Fragestellungen. Darüber hinaus weisen Veröffentlichungen zum Musikleben der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Herrn Dr. Sandberger als einen Musikhistoriker aus, der auf subtile Weise kulturgeschichtlich komplexe Phänomene kenntnisreich zu deuten weiß, so daß seine Arbeiten insgesamt neue Maßstäbe gesetzt und sich durch grundsätzlich wichtige Erkenntnisse für das Fach Historische Musikwissenschaft als bedeutungsvoll erwiesen haben.

Hamburg, den 1. November 1996

(Dr. Helmut Greve) (Hannelore Greve)
Stiftungsvorstand

 

Danksagung von Dr. phil. Wolfgang Sandberger

Sehr geehrter Herr Präsident, verehrtes Ehepaar Greve, meine sehr verehrten Damen und Herren!

Mit großer Freude nehme ich den Förderpreis der „Dr. Helmut und Hannelore Greve Stiftung für Wissenschaften und Kultur" entgegen. Es ist mir eine Ehre, meine Forschungsarbeiten von der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften anerkannt und von dem Ehepaar Greve gefördert zu wissen. Mein Dank gilt Ihnen, zugleich aber auch meinem akademischen Lehrer, Herrn Prof. Dr. Hans Joachim Marx, der meine Studien betreut, begleitet und gefördert hat. Ohne die Auseinandersetzung mit seinem philologisch-historischen Denken wäre meine Dissertation in der vorliegenden Weise nicht zustande gekommen.
Im Zentrum der Arbeit, die in diesen Tagen als „Beiheft zum Archiv für Musikwissenschaft" veröffentlicht wurde, steht die Bach-Rezeption des 19. Jahrhunderts, genauer: das Bach-Bild Philipp Spittas. Das Interesse an der Bach-Biographie dieser so wirk-mächtigen Forscherpersönlichkeit des 19. Jahrhunderts verdankt sich sowohl ihrem rezeptionsgeschichtlichen Rang innerhalb der Bach-Forschung wie auch ihrer enormen wissenschaftsgeschichtlichen Bedeutung.
Der erste Band von Spittas Bach-Biographie erschien 1873. Zur gleichen Zeit entstand Friedrich Nietzsches Schrift „Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben". Hinter dieser auf den ersten Blick eher zufälligen Parallele stehen gleichsam zwei ganz unterschiedliche Seiten ein und derselben Medaille: Beide Publikationen sind ohne den Aufstieg der Historik im 19. Jahrhundert undenkbar – die historisch-kritische Künstlerbiographie ebenso wie die „Unzeitgemässe Betrachtung", die gegen den historischen Zeitgeist polemisiert. Nietzsche – übrigens wie Spitta von Hause aus Altphilologe – hatte bei seinen Attacken gegen das „verzehrende historische Fieber" bezeichnenderweise auch die noch so junge musikwissenschaftliche Forschung im Visier: Fatal für das „Lebendigste unserer Cultur" sei es, wenn Komponisten wie Mozart oder auch Beethoven „bereits jetzt mit dem ganzen Wust des Biographischen überschüttet und mit dem Foltersystem historischer Kritik zu Antworten auf tausend zudringliche Fragen gezwungen werden". Nietzsche hätte neben Mozart und Beethoven auch Bach nennen können, denn gerade die damals neue Bach-Biographie Spittas folgte in ihrem wissenschaftlichen Anspruch und ihrer methodischen Zielsetzung der historisch-kritischen Biographik, wie sie sich als Zweig der Geschichtsschreibung ent-wickelt hatte. Freilich: Spittas Bach-Biographie hat – dies wäre Nietzsche entgegenzuhalten – die Bach-Rezeption alles andere als gelähmt, es sei denn, man wertete gerade die scheinbar definitive biographische Stoffbewältigung als eine solche Lähmung. So erscheint „der Spitta" gleichsam als „point de la perfection", der vor 1870 in der Bach-Forschung nie erreicht wurde und der angesichts der verlorenen Prämissen, die dieses enorme Projekt einst stützten, in seiner Art wohl nie mehr zu erreichen sein wird.
Getragen wird die Bach-Biographie von jenem nationalen Zeitgeist, der mit dem Fortschritt der Reichsgründung von 1871 zugleich einen geistig-kulturellen Fortschritt identifizierte. Auch Spitta verstand sein Werk über „Deutschlands größten Kirchenkomponisten" als ein Denkmal nationaler Kultur in Zeiten „glänzendster politischer Errungenschaften". Bedeutsamer als dieser Aspekt ist jedoch die kirchenmusikalische Bach-Diskussion des 19. Jahrhunderts, an die Spitta mit einem eigenen restaurativen Konzept anknüpfte. Sein Engagement speziell für Bachs Kantaten-Werk ist der Versuch einer Antwort auf die Frage nach der Möglichkeit von Musik in einer Kirche, die sich deutlich von der – so Spitta – „vielgepriesenen allgemeinen Religiosität" des Konzertsaals oder der Oper distanzierte. Parallel zur weiteren Verselbständigung von Musik als einem Paradigma von Religion überhaupt suchte der Bach-Forscher nach präzisen Kriterien der ,eigentlichen’ protestantischen Kirchenmusik, die er letztlich allein über das historische Muster Bach definierte: dessen Orgelmusik und Choralkantaten.
Zu den tragenden Prämissen von Spittas „Bach" gehört schließlich aus wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive die methodologisch motivierte Vertauschung der alten geschichtsphilosophischen Sicht mit einer neuen, positivistischen Konzeption, d. h., aus den umfassenden, weitgespannten musikhistorischen Entwürfen des frühen 19. Jahrhunderts zogen sich Biographen wie Otto Jahn, Friedrich Chrysander und eben Philipp Spitta in begrenztere Bereiche zurück, in denen Authentizität durch Quellenkritik verbürgt werden konnte. Dieser philologische Ansatz ist im Zusammenhang mit einer generellen Umorientierung in der Zielsetzung des Faches zu sehen. Die Geschichte der Musik wird nunmehr verstanden als die Geschichte von Werken: von Gebilden also, deren Substanz der Individualität von Komponisten zu verdanken ist, die durch Biographik erhellt werden soll.
Für diesen vor allem in Deutschland entwickelten Typus einer Biographie steht bis heute der ebenso plakative wie schillernde Untertitel „Leben und Werk". Spitta strebte erstmals nach einer zusammenhängenden Darstellung, in der diese beiden Konstanten im Sinne einer umfassenden, harmonischen Be-schreibung des „Lebenswerkes" ineinandergreifen. Er zeichnete dabei ein Bild von Bach als dem Kulminationspunkt eines Familiengeschlechts, vom relativ spät zu erster „Meisterschaft" gelangten Organisten über die Zwischenstufe des Kapellmeisters zum Kantor, wobei – cum grano salis – auf der Endstufe der ,Erzkantor’ steht. Zu beobachten sind bei dieser Rekonstruktion freilich auch jene historiographischen Illusionstechniken, wie sie bereits Johann Gustav Droysen – speziell für die Gattung der Biographie – aufgedeckt hat. So folgte Spitta mitunter eher der Poetik des historischen Romans, derzufolge das Genie eine Genese über die „Wanderjahre" und die „Meisterschaft" bis hin zum „Spätwerk" zu durchschreiten habe.
Spittas Konzeption erreichte ihre methodische Grenze schließlich dort, wo es darum gegangen wäre, Bachs Biographie und sein Werk so aufeinander zu beziehen, daß sich daraus gleichsam hermeneutische Perspektiven für die Interpretation des konkreten Einzelwerks ableiten ließen. Die doch sehr deutliche Trennung von Ästhetik und Historie hat ihren Niederschlag gefunden in den poetisierenden Werkbeschreibungen, in denen Spitta ganz bewußt an das Vokabular Robert Schumanns anknüpfte. So bezeichnete der Bach-Forscher etwa das berühmte C-Dur-Präludium aus dem ersten Teil des „Wohltemperierten Claviers" als „Stück von unsagbarem Zauber, über das eine große, selige Melodie körperlos hinzieht, wie Engelsgesang durch die Stille Nacht über flüsternde Büsche und Bäume". Diesen poetisierenden Beschreibungsstil hat Spitta freilich noch innerhalb der Bach-Biographie überwunden: in seiner Interpretation der h-Moll-Messe, die als singulärer, gleichwohl wirkmächtiger Einzelfall in der Tat den Rang einer hermeneutischen Interpre- tation beanspruchen kann. Spitta sprach hier nämlich erstmals von „musikalischen Symbolen" oder „sinnbildlichen Zügen" in der Musik, die er, vor dem Hintergrund von Bachs frömmigkeitsgeschichtlichem Ort, hermeneutisch zu interpretieren suchte. Und so konnten spätere Bach-Forscher wie Albert Schweitzer nicht nur die historisch-philologischen Forschungen Spittas übernehmen, sondern auch mit ihrem ästhetisch-hermeneutischen Postulat von der bildlichen Vertonungsweise Bachs – zumindest punktuell – an Spitta anknüpfen.
Besten Dank für ihre Aufmerksamkeit.

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