Würdigung und Danksagung
Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft
der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an
Herrn Dr. phil. Marwan
Rashed
Universität Paris X - Nanterre
Herr Dr. Marwan Rashed hat in seiner Überlieferungsgeschichte den physikalisch-biologischen Traktat des Aristoteles "Über Werden und Vergehen" in herausragender Weise philologisch-textkritisch, paläographisch-kulturhistorisch sowie philosophie- und wirkungsgeschichtlich systematisch erschlossen. Methodensicherheit, Beobachtungsgabe, Entdeckerfreude und philosophisch-hermeneutisches Talent eines Vollblutgräzisten und guten Kenners der lateinischen und arabischen Mediaevistik haben sich zu einer souveränen Synthese verschmolzen, die autonome und bahnbrechende Grundlagenergebnisse für jede künftige - nicht nur editorische - Beschäftigung mit dieser bedeutenden Schrift des Stagiriten bereitstellt.
Hamburg, am 10. November
2000
(Dr. Helmut Greve) (Hannelore
Greve)
Stiftungsvorstand
Danksagung von Dr. Marwan Rashed
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr verehrtes Ehepaar GREVE, meine sehr geehrten Damen und Herren,
für die Verleihung des Förderpreises
der "Dr. Helmut und Hannelore Greve Stiftung für Wissenschaften
und Kultur" möchte ich mich bei der Joachim Jungius-Gesellschaft
der Wissenschaften und besonders bei Ihnen, Herr Dr. GREVE und
Frau GREVE, sehr herzlich bedanken. Ich betrachte es als eine
große Ehre, daß meine Dissertation über die Textgeschichte
der aristotelischen Schrift De generatione et corruptione im Vaterland
der modernen Philologie ausgezeichnet werden soll. Ich rechne
nicht allein mir das Verdienst für diese so außerordentliche
Auszeichnung zu, sondern bin mir dessen bewußt, daß
ich sie ebenso der täglichen Unterstützung verdanke,
die ich von Seiten meiner Lehrer und Kommilitonen im Rahmen des
Graduiertenkollegs "Textüberlieferung" erfahren
habe. An dieser Stelle möchte ich ganz besonders meinen Doktorvätern,
Herrn Professor DIETER HARLFINGER und Herrn Professor ATHANASIOS
KAMBYLIS, danken für ihre stets verständnisvolle Betreuung.
Ich möchte Ihnen in wenigen Worten erklären, warum ich
mich für die Textgeschichte des ARISTOTELES interessiert
habe. Als HERMANN DIELS die Idee einer "Textgeschichte"
vor einem Jahrhundert zum ersten Mal erörterte, war seine
Zielstellung im grossen und ganzen die des WILAMOWITZ. Es ging
vor allem darum, "die griechisch-römische Kultur 'durch
die Kraft der Wissenschaft wieder lebendig zu machen'". Man
mußte alle verfügbaren Mittel der historischen Wissenschaften
einsetzen, um eine einzigartige Periode der menschlichen Geschichte,
das klassische Altertum, so genau wie nur irgend möglich
zu rekonstruieren . In dieser Hinsicht ist es kein Zufall, wenn
DIELS zur "Textgeschichte" geführt wurde, als er
an seinem maximum opus arbeitete, dem Simplikios-Kommentar zur
Physik des ARISTOTELES. Denn dieser Text ist unsere wichtigste
Quelle für die vorsokratische Philosophie, d. h. für
eine Rekonstruierung des sozusagen reinen Ursprungs der griechischen
Philosophie.
Unter diesen Umständen versteht man, daß DIELS' Arbeit
sozusagen archäologisch blieb - und dies im besten Sinne
des Wortes: DIELS steht als Boden der Untersuchung eine sehr komplexe
textuelle Lage. Die handschriftliche Überlieferung läßt
sich in zahlreiche historische Schichten zergliedern, die man
im Stande sein muß, zu erkennen und zu analysieren. An und
für sich stellt aber die byzantinische Periode - um die es
hier geht - nicht das Ziel der Bemühungen dar. Die Untersuchung
strebt nur danach, sich dem reinen Anfang immer stärker zu
nähern.
Zwar hat die Untersuchung der Tradition des Traktats De generatione
erlaubt, Fortschritte in die Richtung einer neuen Edition des
aristotelischen Textes geleistet; dennoch gebührt der historischen
Einordnung der byzantinischen Geistesgeschichte nicht weniger
Aufmerksamkeit. Übrigens hatte Professor HARLFINGER in seiner
Untersuchung des Simplikios-Kommentars schon gezeigt, daß
beide Aspekte völlig untrennbar sind. Dem Beispiel meines
Meisters folgend, habe ich verschiedene Byzantinische Gelehrte
identifizieren und interessante Bedingungen der Tradierung des
griechischen Textes des ARISTOTELES zum Abendland erhellen können.
Man hatte bis jetzt z. B. angenommen, daß die Glossen der
zwei ältesten lateinischen Handschriften des ARISTOTELES
die erneuerungsfreudige und selbstständige Tätigkeit
der Meister von Salerno in Süditalien widerspiegeln. Dem
ist nicht so: es handelt sich in Wirklichkeit um die wörtliche
Übersetzung von byzantinischen gelehrten Glossen des 12.
Jahrhunderts. Bei derartigen Erkentnissen handelt es sich nicht
um philologische Feinheiten, über die der Philosophiehistoriker
einfach hinweggehen könnte. Sie zeigen vielmehr, daß
es ein Irrtum wäre anzunehmen, die aristotelische - philosophische
- Tradition, die sich in nicht weniger als fünf Sprachen
artikuliert, nämlich auf griechisch, syrisch, arabisch, latein
und hebräisch, und die Textüberlieferung der Traktate
des ARISTOTELES hätten unabhängig voneinander ihren
Weg verfolgt, ohne sich je zu berühren.
Dabei geht es offensichtlich nicht mehr nur darum, eine goldene
Zeit, die jetzt für immer vorbei ist, zu rekonstruieren,
sondern auch darum, aus dem Fluss der gesamten Geschichte, die
kleinen Goldkörner der menschlichen Erneuerungsgabe zu entdecken.
Allein die Textgeschichte, die die Gelehrten und die Schulen identifiziert,
die die Entdeckungen wieder in ihren Kontext stellt, die der Überlieferung
des Wissens eine besondere Aufmerksamkeit widmet, hebt diese Untersuchung
über eine willkürliche Suche nach hypothetischen Vorgängern
hinaus.
Der Gewinn scheint mir zwiefach zu sein. Man kann einerseits eine
lange Periode der menschlichen Kultur einfach besser erfassen:
wichtige Kapitel - was insbesondere die byzantinische bzw. die
arabische Philosophie betrifft - fehlen noch heuzutage in unseren
Schulbüchern; andererseits ermöglicht dieser historische
Ansatz eine neue Sicht der Denker, die von der Last der modernen
Bibliographie mehr und mehr erdrückt werden.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.