Würdigung und Danksagung
Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft
der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an
Frau Dr. phil. Susan Möller-Wiering
Archäologisches Institut, Universität
Hamburg
Frau Dr. Susanne Möller-Wiering hat mit ihrer Dissertation über "Segeltuch und Emballage" das diffizile Gebiet der Textilien im mittelalterlichen Warentransport auf Nord- und Ostsee untersucht und auf eine tragfähige Basis gestellt. Dadurch konnten Aspekte des internationalen Handels dieser Zeit aus anderer Sicht behandelt werden. Auf der Grundlage vielfältiger Analysen und interdisziplinär abgesicherter Kriterien gelang ihr die Herausarbeitung ausgefeilter Identifizierungsmodalitäten von Fragmenten und deren präzise Ansprache im Rahmen maritimer Bezüge, wodurch der Textilarchäologie neue Wege eröffnet werden.
Hamburg, am 30. November 2001
(Prof. Dr. Helmut Greve)
(Dr. h. c. Hannelore Greve)
Stiftungsvorstand
Danksagung von Dr. Susan Möller-Wiering
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr verehrtes
Ehepaar Greve, meine sehr geehrten Damen und Herren,
wir alle freuen uns schon auf den Festvortrag von Herrn Prof.
Kaminsky über maßgeschneiderte Kunststoffe der Zukunft.
Zuvor darf ich Sie aber für ein paar Minuten in die Vergangenheit
entführen, in das Mittelalter, als die Menschen noch ganz
ohne Kunststoffe auskommen mussten. Boote wurden nicht aus GFK
("glasfaserverstärkten Kunststoffen") gebaut, sondern
aus Holz, ihre Segel bestanden nicht aus Duradon, sondern aus
Leinen oder gar Wolle und Lebensmittel wurden natürlich noch
nicht tiefgefroren oder in Folie eingeschweißt, sondern
in Holzfässern, Keramikkrügen und stoffumhüllten
Ballen transportiert.
Meine Damen und Herren, als ich die Arbeiten zu meiner Dissertation
aufnahm, lagen im Forschungslabor des Archäologischen Landesmuseums
in Schleswig 52 Textilfragmente vor mir, die skandinavische Kollegen
aus einem hölzernen Dach geborgen hatten, das einst die mittelalterliche
Steinkirche von Trondenes in Nord-norwegen überspannte. Es
war nur ein winziger Ausschnitt der vor Ort noch erhaltenen Textilien
und es gab Hinweise darauf, dass zumindest einige zu einem großen
Segel aus Wolle gehörten, das beim Bau des Daches im Jahre
1434 zerschnitten wurde, um die Stücke als Dichtung zwischen
den Holzplanken zu ver-wenden. Wollsegel waren - wie wir aus verschiedenen
Quellen wissen - zu jener Zeit in Skandinavien und darüber
hinaus weit verbreitet, doch waren bis dato keine überlieferten
Stücke bekannt.
Die Textilforschung konzentrierte sich bisher auf drei Gebiete:
erstens die Rekonstruktion der technologischen Entwicklung, zweitens
die Identifizierung historisch überlieferter Qualitäten
und drittens auf den Nachweis verschiedener Kleidungsstücke.
Meine Aufgabe bestand nun darin, einen Weg zu finden, Wollsegelreste
von Fragmenten anderer Funktion zu unterscheiden. Methodisch gesehen,
wählte ich für dieses Ziel einen interdisziplinären
Ansatz. Ich zog nicht nur archäologische Funde aus Textil
und anderen Materialien heran, sondern auch Schrift- und Bildquellen
sowie ethnographische Parallelen und die Ergebnisse experimenteller
Archäologie. Dabei beschränkte ich mich auch nicht auf
das Mittelalter, sondern erweiterte den Zeitrahmen von der Antike
bis zur Neuzeit. Immer lautete die Frage: Welche potenziellen
Segelmerkmale kann ich aus dem jeweiligen Gegenstand der Betrachtung
ableiten und wie können sie sich gegebenenfalls im archäologischen
Fundgut niederschlagen.
Es zeigte sich, dass sich diese so unterschiedlichen Quellen nicht
nur gegenseitig ergänzten, sondern in hohem Maße wechselseitig
stützten. Heraus kam eine Liste von Kriterien, eine Merkmalsübersicht,
die sich auf archäologische Textilfunde anwenden lässt.
Mit ihrer Hilfe konnte ich innerhalb des Materials aus Trondenes
einige Fragmente als Segelreste bestimmen, andere dagegen ausschließen.
Um die Datenbasis und damit unser Wissen über die mittelalterliche
Schifffahrt zu erweitern, wird, so hoffe ich, die Merkmalsübersicht
künftig auch auf andere Textilkomplexe angewandt werden.
Es gab aber auch noch andere Resultate. So bin ich beispielsweise
zu dem Ergebnis gekommen, dass unsere klassische Vorstellung breit
gestreifter Wikingersegel nicht haltbar ist. Diese Segel waren
im Prinzip einfarbig, oft dunkel, und trugen ein Gitter aus schmalen,
schräg aufgenähten, gern farbigen Verstärkungsstreifen.
Außer mit Segeln habe ich mich schließlich mit textilen
Verpackungen, mit Emballage, beschäftigt. In mehr als 40
mittelalterlichen Häfen rund um Nord- und Ostsee wurden in
den letzten Jahrzehnten Fragmente äußerst grober Stoffe
gefunden, die oft aus Ziegenhaar hergestellt sind. Meinen Untersuchungen
zufolge stammen diese Gewebe aus Norwegen, wo sie gebraucht wurden,
um den als Fastenspeise in ganz Europa beliebten, getrockneten
Stockfisch zu Ballen zusammenzuschnüren und so zu exportieren.
Der Kreis schließt sich, wenn ich Ihnen nun noch sage, dass
die Kirche von Trondenes einst die Errichtung des Holzdaches,
aus dem die Segelfragmente stammen, durch Einkünfte aus eben
diesem Stockfischhandel finanzierte.
Meine Damen und Herren, Kultur und Wissenschaft haben - wie die
Menschheit überhaupt - eine Vergangenheit und eine Zukunft.
Beides sind lohnenswerte Forschungsfelder. Dass Sie, hoch verehrtes
Ehepaar Greve, diese beiden Bereiche unterstützen, finde
ich persönlich besonders bemerkenswert. Dass meine Arbeit
Ihrer Auszeichnung für würdig befunden wurde, ist mir
eine große Freude und auch Ehre, für die ich mich von
ganzem Herzen bei Ihnen bedanken möchte. Ebensosehr gilt
mein Dank dem Vorstand der Joachim Jungius Gesellschaft, der sie
hierfür vorschlug, und Frau Prof. Renate Rolle, die das Thema
nicht nur über die Jahre betreute, sondern schließlich
auch der Gesellschaft einreichte. Danken möchte ich auch
meiner Zweitgutachterin, Frau Prof. Inga Hägg vom Archäologischen
Landesmuseum in Schleswig, die immer wieder wichtige Impulse setzte,
und meinem Mentor am Marinarchäologischen Forschungszentrum
des Dänischen Nationalmuseums in Roskilde, Herrn Prof. Ole
Crumlin-Pedersen, schließlich meiner Familie - ich glaube,
ich brauche nicht zu erläutern, wie wichtig diese Unterstützung
ist - und ebenso Ihnen, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer,
für Ihre Aufmerksamkeit! Danke!