Würdigung und Danksagung

Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an
Herrn Dr. rer. nat. Roland Molenda
Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie, Universität Jena


Herr Dr. Roland Molenda wurde promoviert mit einer Arbeit über die „Zoogeographische Bedeutung Kaltluft erzeugender Blockhalden im außeralpinen Mitteleuropa", wodurch erstmals die in derartigen, sich weit in die Tiefe ausdehnenden Ansammlungen groben Gesteins lebenden Tiere im Quartär nicht vereist gewesenen Mitteleuropa über einen Bereich hinweg erfaßt worden sind, der sich vom Harz im Norden bis zum Trentino im Süden und von den Ardennen im Westen bis in die Rhön im Osten erstreckt. Die gefundenen Gliederfüßer, insbesondere zum Teil flugunfähige Vertreter verschiedener Gruppen der Käfer, haben bei dieser umfangreichen Bestandsaufnahme in Verbindung mit der Ermittlung von Klimadaten und im Jahreszyklus wechselnden Verhältnissen der Luftströmung innerhalb dieses Lebensraums gezeigt, daß dort bei vergleichsweise niedrigen Temperaturen Faunenelemente erhalten geblieben sind, die mit großer Wahrscheinlichkeit als isolierte Restvorkommen einer früheren, periglazialen Tierwelt zu deuten sind, so daß der originelle Ansatz zur Feststellung eines neuen Typs sogenannter Glazialrelikte geführt hat.

Hamburg, den 1. November 1996

(Dr. Helmut Greve) (Hannelore Greve)
Stiftungsvorstand

 

Danksagung von Dr. rer. nat. Roland Molenda

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr veehrtes Ehepaar Greve, meine sehr geehrten Damen und Herren,

vor einigen Wochen erhielt ich zu meiner großen Freude die überraschende Nachricht, daß mein wissenschaftliches Interesse mit dem Förderpreis der „Dr. Helmut und Hannelore Greve Stiftung für Wissenschaften und Kultur" ausgezeichnet würde. Es ehrt mich sehr, diese Auszeichnung heute hier entgegennehmen zu dürfen und mich von der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften anerkannt und von dem Ehepaar Greve gefördert zu wissen. Mein Dank gebührt Ihnen, er gilt aber ebenso meinem verehrten Doktorvater und Lehrer, Herrn Prof. Dr. Otto Kraus, der meine Arbeiten mit außerordentlichem Engagement begleitet und unterstützt hat.
Mein Forschungsinteresse richtete sich zunächst auf Reste von Urlandschaften, die bis in heutiger Zeit selbst noch im dicht besiedelten Mitteleuropa vorzufinden sind. Gegenstand der Untersuchungen sollten Blockhalden sein – unter eiszeitlichen Klimabedingungen entstandene Lebensräume, die sich aus kopfgroßem Felsgeröll zusammensetzen und zu den wenigen natürlich waldfreien Standorten zählen. Bei der genaueren Betrachtung dieser Lebensräume stellte sich dann heraus, daß einige davon mikroklimatische Besonderheiten aufweisen: eine Art kommunizierender Röhren im Felsplattensystem führt zur Entstehung von Windröhren, die kleinräumig die Jahresmitteltemperatur im Fußbereich der Blockhalden reduzieren und damit die Bildung extrazonaler Permafrostböden verursachen könnten. Dagegen weist der Kopfbereich derartiger Blockhalden permanent frostfreie Zonen auf, die sich im Winter als Warmluft-Austritte bemerkbar machen. Mit anderen Worten: es handelt sich hier um eine Art natürlichen Kühlschrank. Erstmals konnte ich im außeralpinen Mitteleuropa – ausgehend vom Trentino im Süden bis zum Harz im Norden – mehrere dieser mikroklimatischen Sonderstandorte nachweisen. Unter Bezugnahme auf die thermische Differenziertheit und die gegenüber dem Makroklima der Umgebung isolierten Position dieser Biotope, führte ich den Begriff Kaltluft erzeugende Blockhalde ein.
Aufgrund dieser Beobachtungen stellte sich mir als Zoologen zunächst die Frage, wie sich die rezent-ökologischen Faktoren auf die Zusammensetzung der Lebensgemeinschaften auswirken. Eine Frage, die nicht leicht zu beantworten sein sollte und bis heute noch nicht vollständig beantwortet werden kann. Denn es galt sowohl die bislang unbekannten Bewohner des unzugänglichen Spaltensystems des Blockhaldenkörpers als auch die Fauna des permanent unterkühlten Fußbereichs kennenzulernen. Die Auswahl der zu untersuchenden Tiergruppen richtete sich u.a. nach ihrem wissenschaftlichen Bearbeitungsstand. So wählte ich die Tausendfüsser, Spinnen und Käfer. Ihr Artenspektrum sollte mir auch Aussagen zur Biotopqualität ermöglichen.
Die Ergebnisse meiner Untersuchungen übertrafen die Erwartungen bei weitem: die Fauna der Blockhalden zeichnet sich durch einen hohen Anteil diskontinuierlich verbreiteter Arten aus. Insbesondere bei den Käfern und Spinnen konnte ich zahlreiche boreo-montan oder bislang rein alpin verbreitete Spezies nachweisen. Davon gelten einige als Kaltzeit-Relikte, wobei zu klären bleibt, ob es sich hierbei um glaziale, frühe postglaziale oder sogar präglaziale Relikte handelt. Dagegen tre-ten im Bereich der permanent frostfreien Zone synanthrope und frostempfindliche Arten auf, von denen Freilandpopulationen bisher völlig unbekannt waren.
Diese ersten Ergebnisse zeigten mir, daß Kaltluft erzeugende Blockhalden als terres-trische Inselökosysteme anzusehen sind, deren Lebensgemeinschaften sich zu einem großen Teil aus diskontinuierlich verbreiteten Arten zusammensetzen. Damit übernehmen diese Lebensräume entscheidende Funktionen bei der Entstehung disjunkter Areale in Mitteleuropa und erlangen so große Bedeutung für zoogeo-graphische und evolutionsbiologische Fragestellungen. Kaltluft erzeugende Blockhalden müssen als „Archive" mit Faunen-Elementen vergangener Zeiten angesehen werden. In Abhängigkeit von der Landschaftsgeschichte der betreffenden Standorte enthalten sie gleichsam Relikte unterschiedlicher Klima-Perioden.
Hieran anknüpfend stellt sich mir die Frage nach der Verbreitungsgeschichte ausgewählter Spezies dieser Inselstandorte. Ist die Zusammensetzung der sich uns heute darstellenden Lebensgemeinschaften ausschließlich rezent-ökologisch bedingt oder läßt sie sich auf historisch-zoogeographische Ursachen zurückführen?
Mit anderen Worten: ist der bislang angenommene Glazial-Reliktstatus einzelner Arten aufgrund ihrer mangelnden Ausbreitungsfähigkeit (z.B. Flugunfähigkeit) gerechtfertigt? Oder handelt es sich hier um noch unbekannte Ausbreitungsmechanismen, die Genfluß zwischen den Inselpopulationen ermöglichen? Kann ein flugunfähiger Käfer oder eine Spinne mit hochspezifischen ökologischen Ansprüchen diese Inselstandorte zufällig und passiv erreichen und erfolgreich besiedeln?
Diese Probleme können nur mit Blick auf das Genom der betreffenden Spezies geklärt werden. Hierzu liefert uns heute die Gentechnik das geeignete Instrumentarium, um vorhandenen Genfluß und genetische Distanz zu ermitteln. Die weiteren Untersuchungen werden zeigen, ob Kaltluft erzeugende Blockhalden auch für Artbildungsprozesse von Bedeutung sind. Mit diesem Ausblick möchte ich meine Ausführungen schließen und mich für ihre Aufmerksamkeit bedanken.

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