Würdigung und Danksagung

Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an
Herrn Dipl.-Ing. Dr. sc. agr. Jochen Kumlehn
Zentrum für Angewandte Molekularbiologie der Pflanzen
am Institut für Allgemeine Botanik und Botanischer Garten, Universität Hamburg


Herr Dr. Jochen Kumlehn wurde an der Technischen Universität Berlin mit einer Dissertation über die Regeneration befruchteter Samenanlagen von Lolium multiflorum promoviert und setzt seine Arbeit seit 1995 am Zentrum für Molekularbiologie der Pflanzen in Hamburg fort, wobei er Methoden zur Isolierung von Eizellen zur in vitro Befruchtung mittels isolierter Gameten sowie zur Embryonalentwicklung und Pflanzenregeneration aus isolierten Zygoten bei Weizen und Gerste erarbeitet hat; hierbei gelang es ihm, aus isolierten Zygoten eine direkte pflanzliche Embryogenese bei vollständiger Differenzierung der Embryostruktur herbeizuführen und somit einen experimentellen Zugang zum einzelligen Ausgangsstadium pflanzlicher Individuen zu erschließen, woraus sich für zytologisch und molekular orientierte Studien über die pflanzliche Reproduktionsbiologie und ebenso für biotechnologische Anwendungen weitreichende Perspektiven ergeben.

Hamburg, am 20. November 1998

(Dr. Helmut Greve) (Hannelore Greve)
Stiftungsvorstand

 

Danksagung von Dr. Jochen Kumlehn

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr verehrtes Ehepaar GREVE, meine sehr geehrten Damen und Herren,

für die Verleihung des Preises der „Dr. Helmut und Hannelore Greve Stiftung für Wissenschaften und Kultur" bedanke ich mich herzlich. Dieser Dank gilt zu allererst dem Ehepaar GREVE, das sich auf so beeindruckend vielfältige Weise für die Förderung der Wissenschaft engagiert, sowie der Joachim Jungius-Gesellschaft.
An dieser Stelle muß aber auch betont werden, daß die Arbeit, die hier gewürdigt wird, nur aufgrund meines sozialen und wissenschaftlichen Umfeldes möglich war. So möchte ich vor allem meiner Frau danken, die, da ich leider nur an den Wochenenden bei meiner Familie sein kann, neben ihrem aufreibenden Beruf als Lehrerin ja auch unsere eigenen Kinder weitgehend alleine betreut und erzieht. Auf der anderen Seite habe ich aber gerade aufgrund dieser Situation sehr viel Freiraum, meinen Arbeitstag nach Belieben auszudehnen, worum mich möglicherweise der ein oder andere junge Vater beneiden wird.
Nichtsdestoweniger möchte ich auch daran erinnern, daß ein gutes Arbeitsklima unter den Mitarbeitern eine entscheidende Voraussetzung für innovatives Arbeiten und hohes wissenschaftliches Niveau ist. Und so verstehe ich auch die hier gewürdigte Arbeit weniger als Leistung einer Einzelperson als vielmehr die eines guten Teams. Mein ganz besonderer Dank gilt daher auch Herrn Prof. HORST LÖRZ, der es immer verstanden hat, die erforderlichen Rahmenbedingungen zu gewährleisten und mit seinem Weitblick den wissenschaftlichen Enthusiasmus in die richtigen Bahnen gelenkt hat.
Und nun lassen Sie mich noch mit wenigen Worten meine eigentliche Tätigkeit darstellen: Um die Thematik auf einen Nenner zu bringen, würde ich sagen, daß mich die Entstehung pflanzlicher Embryonen sowie deren frühe Entwicklung interessiert. Nun mag es vielleicht nicht jedem von Ihnen geläufig sein, das sich im Inneren pflanzenlicher Samen ein Embryo herausbildet, der wie bei Tieren und beim Menschen eine Art Vorläufer eines selbständigen Individuums darstellt. Während jedoch im Tierreich allein die Eizelle befähigt ist, als Ausgangspunkt der Embryoentwicklung zu fungieren, ist es bei Pflanzen interessanterweise möglich, daß in Zell- oder Gewebekulturen ganz unterschiedliche Zelltypen einen Embryo hervorbringen können. Als Beispiel ließe sich hier die Entwicklung von Embryonen aus unreifen Pollenkörnern nennen. Und weil von einer einzigen Blüte viele tausend Pollenkörner gebildet werden können, ergibt sich daraus die Möglichkeit auch entsprechend Tausende von Embryonen und damit eine gewaltige Nachkommenschaft in Kultur zu produzieren. Auf diese Weise erzeugte Populationen sind von außerordentlichem Wert für unterschiedlichste Methoden der Erhaltung und Neuzüchtung von Sorten unserer Kulturpflanzen. Nun ist es aber so, daß die Methode, aus unreifem Pollen Embryonen zu erzeugen, bei den unterschiedlichen Kulturpflanzenarten mehr oder weniger gut gelingt. Und dieses „weniger gut" liegt schlicht und ergreifend daran, daß wir die Mechanismen, durch die dieser Prozeß ge-regelt wird, in unzureichendem Maße verstehen. Andersherum formuliert: Je detaillierter wir die allgemeingültigen Mechanismen der Embryoentstehung erkennen, desto besser werden wir diesen Prozeß im Sinne einer effizienten Pflanzenzüchtung nutzen können.
Mein spezieller Beitrag bestand darin, daß es mir zunächst einmal gelungen ist, Ei- und Spermazellen des Weizens zu isolieren, und daraufhin den Befruchtungsvorgang, d.h. die Verschmelzung dieser beiden isolierten Keimzellen, außerhalb der Pflanze zu vollziehen. Man kann das Ganze auch mit dem Terminus „in vitro Fertilisation" bezeichnen. Desweiteren habe ich ein Kulturverfahren erarbeitet, das die Entwicklung eines sexuell entstandenen Embryos von seiner isolierten Ausgangszelle bis hin zur Pflanze ermöglicht. Dabei ist es unter Kulturbedingungen erstmalig gelungen, während des Ablaufs der Embryoentwicklung die vollständige Ausprägung aller typischen Strukturen des Embryos zu erreichen. Und genau darin liegt der tiefere Sinn dieser Arbeit, daß nämlich die gesamte Embryoentwicklung mit all ihren subtilen Teilprozessen außerhalb der Pflanze stattfinden kann, und wir uns damit einen unmittelbaren experimentellen Zugang zu diesen elementaren Vorgängen verschafft haben. Die vorliegenden Arbeiten stellen also nicht in erster Linie ein abschließendes Ergebnis dar, sondern sind vielmehr als Grundlage für eine Reihe weiterer Untersuchungen sowohl auf zellulärer als auch auf molekularer Ebene anzusehen, an denen ich gerne weiterhin beteiligt sein möchte. Und in diesem Sinne kann, so glaube ich, die soeben erhaltene Würdigung ihrem eigentlichen Zweck gerecht werden, nämlich als Stimulus für eine weiterhin begeisterte wissenschaftliche Tätigkeit zu dienen. Vielen Dank.

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