Würdigung und Danksagung

Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an
Herrn Dr. rer. nat. Markus Koch
Fakultät für Biologie, Abt. Zoomorphologie und Systematik, Universität Bielefeld

Nachdem publizierte Vorarbeiten bewirkt hatten, daß Herr Dr. Markus Koch eingeladen worden war, im Jahre 1999 zu einem internationalen Symposium in Paris einen Hauptvortrag beizutragen, ist er ein Jahr später an der Universität Hamburg mit einer Dissertation promoviert worden, in welcher die Verwandtschaftsverhältnisse der hochrangigen Teilgruppen primär flügelloser Insekten, also der sogenannten Ur-Insekten, durch eine aufwendige Analyse insbesondere von Einzelheiten der Anatomie der Kopfkapsel weitgehend aufgeklärt werden konnten, so daß sein auch von ausländischen Gutachtern als innovativ bezeichneter Ansatz Wesentliches zur Begründung einer Hypothese über den Ursprung der geflügelten Insekten beigetragen hat.

Hamburg, am 30. November 2001

(Prof. Dr. Helmut Greve) (Dr. h. c. Hannelore Greve)
Stiftungsvorstand

 

Danksagung von Dr. Markus Koch

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr verehrtes Ehepaar Greve, meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich danke für die ehrenvolle Auszeichnung meiner wissenschaftlichen Arbeit, die mir durch den Preis zuteil wird. Ich freue mich darüber vor allem deshalb, weil das Ehepaar Greve selbst den Weg für die Arbeit, die hier ausgezeichnet wird, gebahnt hat, indem es zu Beginn meiner Arbeit für die Dissertation die Kontinuität meiner Forschung gewährleistete, bis eine Unterstützung seitens der Deutschen Forschungsgemeinschaft realisiert wurde. Ohne diesen Einsatz gäbe es diese Arbeit nicht, und ich stünde heute nicht hier. Dafür bin ich Ihnen, verehrte Frau Dr. Greve, verehrter Herr Professor Greve, in großer Dankbarkeit verbunden. Ebensolcher Dank gilt auch der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften, nicht allein dafür, dass sie mich für diese Auszeichnung vorgeschlagen hat.
Zum Gegenstand der Arbeit, die hier ausgezeichnet wird. Sie alle kennen wahrscheinlich folgende Situation: Sie wollen im Spätsommer unter freiem Himmel bei Kaffee und Kuchen die Sonne genießen, Sie werden aber empfindlich von Wespen gestört. Wenn Sie die Wespen dennoch nicht verscheuchen, können Sie beobachten, wie sie sich auf dem Kuchen niederlassen. Bei genauerem Hinsehen werden Sie dann bemerken, dass die Wespen anfangen, sehr kleine Stücke aus dem Kuchen herauszuschneiden, um diese zu fressen. Die Organe, die sie dafür verwenden, heißen Mandibeln. Sie gehören zu den Mundwerkzeugen der Wespen. Alle Insekten verfügen über solche Mandibeln, aber nicht immer sind sie so gut zu beobachten wie bei den Wespen. Da die Mandibeln bei allen Insekten eine entscheidende Rolle bei der Nahrungsaufnahme spielen, gehen wir davon aus, dass sie auch bei den Vorfahren der Insekten ausgebildet waren. Von diesen sind sie an alle heute lebenden Nachfahren weitergegeben worden.
Doch nicht alle Insekten ernähren sich wie Wespen durch Abbeißen von Nahrung. Die Mundwerkzeuge und damit auch die Mandibeln können verändert sein, wenn die Nahrungsquelle eine andere ist. Mücken etwa stechen mit ihren Mandibeln und saugen Blut, Schmetterlinge lecken und saugen Nektar mit Hilfe eines langen Rüssels, Fliegen demgegenüber tupfen verflüssigte Nahrung auf. Die Mandibeln werden, ausgehend von einer Grundform, auf vielfältige Art an die jeweilige Ernährungsweise angepasst. Die damit einhergehende, mannigfaltige Spezialisierung in der Ernährungsweise ist einer der wichtigsten Gründe, warum die Insekten so erfolgreich waren, gemessen an ihrer Diversität, und heute die größte Tiergruppe schlechthin bilden.
In meiner Dissertation galt es, die eben erwähnte Grundform der Mundwerkzeuge bei den Insekten zu rekonstruieren, die als Ausgang diente für die Evolution all jener Ernährungsweisen, die wir heute bei Insekten antreffen. Ich habe mir dafür Vertreter der ältesten, heute noch existierenden Insektengruppen angesehen. Zu diesen "Ur-Insekten" gehören - als prominenteste Vertreter - auch die Silberfischchen, die Sie als unliebsame Hausgenossen kennen werden. Die Mehrzahl der Ur-Insekten ist jedoch deutlich kleiner. Manche erreichen an Gesamtlänge gerade die Größe der Mandibel einer Wespe. Aufgrund der Kleinheit der meisten Ur-Insekten erforderte diese Arbeit spezielle Präparationstechniken und die Anwendung verschiedener licht- und elektronenmikroskopischer Verfahren. Für Rückschlüsse auf Verwandtschaftsbeziehungen waren die Ergebnisse dieser vergleichenden Untersuchung sodann abzugleichen mit weiteren Daten, die an anderen Organen erhoben worden waren. Denn, da wir bei der Rekonstruktion der Evolution auf Indizien angewiesen sind, müssen alle Informationen zu einem in sich geschlossen Bild zusammengeführt werden können. Gelingt das nicht, können wir uns der Richtigkeit der getroffenen Aussage nicht sicher sein.
Damit ergeben sich Parallelen zu detektivischer oder kriminalistischer Arbeit, in der für die Lösung des Falles alle Spuren bewertet werden müssen. Nur wenige sind aber informativ, die meisten führen ins Leere. Doch im Unterschied zu einem Detektiv haben wir keine Möglichkeit, durch Befragung die Richtigkeit unserer Schlüsse zu überprüfen. Aus diesem Grund sind wir darauf angewiesen, alle Informationen zur Biologie von Organismen zunächst zu sammeln und dann zu bewerten, um anschließend zu einem widerspruchsfreien System zu gelangen.
Dafür bietet die Kommission für Neontologie und Paläontologie der Joachim-Jungius-Gesellschaft den erforderlichen Rahmen: zum einen gewährleistet sie den Datenaustausch aus den zahlreichen Teildisziplinen der Biologie, zum anderen verfügt sie über die notwendigen internationalen Kontakte. In diesem Zusammenhang möchte ich mich nochmals herzlichst bei dem Vorsitzenden dieser Kommission bedanken, Herrn Professor Dr. Otto Kraus, der zugleich als mein Doktorvater meine Forschungsarbeit in den letzten Jahren hervorragend betreut hat.
In der Vergleichenden Biologie gelingt die Rekonstruktion des Evolutionsprozesses und die Erstellung eines darauf basierenden Verwandtschaftssystems über weite Strecken. Aus meiner Arbeit resultierten dabei unerwartete neue Einsichten über die frühe Stammesgeschichte der Insekten.
Sie werden sich aber womöglich fragen, warum es überhaupt wichtig ist, den Gang der Evolution aufzudecken. Es gibt hierfür im wesentlichen zwei Gründe.
Zum einen braucht jede Wissenschaft ein System, in das sie ihre Ergebnisse einordnen kann und auf dem sie aufbaut. In der Biologie verwenden wir ein System, das den Evolutionsprozess widerspiegelt und daher auch als Stammbaum interpretiert werden kann.
Der zweite Grund liegt in uns selbst. Für unser Selbstverständnis macht es einen deutlichen Unterschied, ob wir von den Silberfischchen oder von den Affen abstammen. Die aktuelle Bedeutung dieser Antwort wird vielleicht im Widerstand gegen die Evolutionstheorie deutlich, die uns Menschen nicht als Produkte göttlicher Schöpfung, sondern als Tiere ausweist. Die scheinbare Unerträglichkeit der letzteren Vorstellung zeigt sich auch noch heute - nach knapp 150 Jahren, seit sich Charles Darwin erstmals mit seiner Evolutionstheorie an die Öffentlichkeit wagte - zum Beispiel darin, dass in einigen amerikanischen Bundesstaaten die Evolutionstheorie vom Stundenplan gestrichen wurde. Dort verlassen selbst Studenten die Hörsäle, wenn die Sprache auf die Evolution kommt.
Ich empfinde daher die Verleihung des Preises für eine evolutionsbiologische Arbeit als deutliches Zeichen dafür, dass hier Grundlagenforschung gefördert wird, um derartiger Verblendung entgegenzuwirken. Vor allem aber danke ich dem Ehepaar Greve dafür, dass mit ihrem unermüdlichen Einsatz für den wissenschaftlichen Nachwuchs Fortschritte gewährleistet sind auf Gebieten wie der Biologischen Systematik, die von staatlicher Seite immer weniger gefördert werden, da der unmittelbare Nutzen nicht erkennbar zu sein scheint.
Vielen Dank!

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