Würdigung und Danksagung
Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft
der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an
Herrn Dr. phil. Andreas Hoffmann
Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg
In seiner Dissertation "Grabritual und Gesellschaft. Gefäßformen, Bildthemen und Funktionen unteritalisch-rotfiguriger Keramik aus der Nekropole von Tarent" hat Dr. Andreas Hoffmann erstmals ein umfassendes und facettenreiches Bild von der Verwendung der unteritalisch-rotfigurigen Keramik in den Gräbern der Stadt Tarent gezeichnet. Unter Einbeziehung aller Beigaben stellt er die traditionelle Klassifikation der Gattung nach Werkstätten und Malerhänden auf eine neue Grundlage. Mustergültig erörtert er die geschlechts- und altersspezifische Verwendung der Grabbeigaben und erläutert die Bedeutung der mythischen und nichtmythologischen Vasenbilder. Die Untersuchung schafft vollkommen neue Einblicke in die Sinnstrukturen des tarentinischen Grabrituals. Sie stellt für die Unteritalienforschung einen ebenso großen Gewinn dar wie für die Erforschung antiker Grabrituale insgesamt.
Hamburg, am 21. November 2003
(Prof. Dr. Helmut Greve)
(Prof. Dr. h. c. Hannelore Greve)
Stiftungsvorstand
Danksagung von Dr. Andreas Hoffmann
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr verehrtes
Ehepaar Greve,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Über die Auszeichnung mit dem Förderpreis
der Dr. Helmut und Hannelore Greve-Stiftung für Wissenschaften
und Kultur freue ich mich außerordentlich. Sie ist für
mich eine große Ehre und Ich danke zunächst Ihnen,
sehr verehrte Frau Prof. Greve und Ihnen, sehr verehrter Herr
Prof. Greve als den Stiftern dieses Förderpreises ganz herzlich.
Wissenschaft könnte heute in vielen Bereichen nicht das leisten,
was sie leistet, gäbe es nicht Menschen wie sie, für
die ihre Förderung eine Herzensangelegenheit geworden ist.
Mein Dank gilt aber auch dem Vorstand der Joachim Jungius-Gesellschaft,
der meine Dissertation für diese Auszeichnung vorgeschlagen
hat und er gilt insbesondere Herrn Prof. Wilhelm Hornbostel, der
sie dem Vorstand eingereicht hat.
Meine Dissertation, die den Titel Grabritual und Gesellschaft,
Gefäßformen, Bildthemen und Funktionen unteritalisch-rotfiguriger
Keramik aus der Nekropole von Tarent trägt, könnte heute
nicht ausgezeichnet werden, hätte sie nicht von meinen akademischen
Lehrern entscheidene Hilfe erfahren. In erster Linie danke ich
dafür meinem Doktorvater, dem Archäologen Prof. Tonio
Hölscher in Heidelberg, der sie auf vielfältige Weise
außerordentlich gefördert hat, aber auch meinem Zweitgutachter
Prof. Rolf Michael Schneider in München.
Sehr unterstützt haben mich vor allem aber auch die Mitglieder
des deutsch-italienischen Forschungsprojektes, das es sich zum
Ziel gesetzt hat, den antiken Friedhof von Tarent in Süditalien,
einen der größten erhaltenen Friedhöfe der Klassischen
Antike, mit allen seinen Gräbern systematisch zu untersuchen.
Viele Jahre vor meiner Arbeit ist aus diesem Forschungsprojekt
auch die Ausstellung "Das Gold von Tarent" im Museum
für Kunst und Gewerbe hervorgegangen, an die sich viele in
Hamburg erinnern werden.
Beispielhaft an einer Vasengattung, der sogenannten unteritalisch-rotfigurigen
Keramik aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., habe ich in meiner Arbeit
das Grabritual der süditalienischen Stadt Tarent untersucht,
einer Stadt, die in der Antike zu den wichtigsten griechischen
Kolonien in Süditalien zählte.
Obwohl Tarent schon immer als der Hauptproduktionsort der Gattung
galt, wusste man bislang nur wenig über ihre Verwendung in
den Gräbern dieser Stadt. Das hat sich mit meiner Untersuchung
von 550 zumeist unpublizierten Gräbern grundlegend geändert.
Gräber und ihre Beigaben sind Zeugnisse eines antiken Bestattungsrituals
mit festgelegten Mustern und Riten. Und so beleuchten sie neben
dem Tod auch die Einstellung einer Gesellschaft zu ihren Toten.
Zu untersuchen war, welche Regeln in Tarent für die Ausstattung
der Toten mit Beigaben galten.
Nachweisen konnte ich ein strukturiertes System, nach dem sowohl
die Gefäße als auch viele weitere Beigaben miteinander
kombiniert werden. Dies war insofern vollkommen überraschend,
als man bislang oft davon ausging, dass die rotfigurigen Vasen
als kostbare Erbstücke, aus persönlicher Trauer und
völlig willkürlich in das Grab gelegt worden seien.
Es zeigte sich, dass einige Gefäße nur für bestimmte
Altersgruppen, andere geschlechtsspezifisch verwendet wurden.
Untersuchen konnte ich diese Fragen, obwohl in Tarent die Skelette
der Verstorbenen nicht erhalten sind, anhand einer sehr einfachen
Kombinationsregel. Denn in Tarent werden die Verstorbenen lang
ausgestreckt auf dem Rücken liegend und in Einzelgräbern
bestattet. In Gräbern, die deutlich kürzer sind als
1,60 können deshalb keine Erwachsenen beigesetzt sein. Zudem
gibt es Beigaben, die von vorneherein als geschlechtsspezifisch
gelten müssen. Gräber mit Spiegeln enthalten Frauen,
Gräber mit einer Strigilis, einem Schabgerät, mit dem
sich die eingeölten Athleten den Schmutz von der Haut schabten,
enthalten Männer. Weiß man, was für Beigaben nur
in den Strigilis- und Spiegelgräbern vorkommen, so kann man
die möglichen Ausstattungen der Männer- und Frauengräber
rekonstruieren.
Auf dieser Grundlage zeigte sich etwa, dass Hochzeitsgefäße,
kosmetische Gefäße für Salböle und Peliken
als Vorratsgefäße sowie die Webgewichte, die auf die
weibliche Aufgabe der Texttilherstellung anspielen, nur in Frauengräbern
vorkommen und sich noch dazu gegenseitig ausschließen.
Bei einer Frau, die man als Herstellerin von Texttilien charakterisieren
wollte, verzichtete man auf Hinweise auf die Hochzeit.
Auch zeigte sich, dass man in Tarent die Hochzeitsgefäße
gerade nicht den verheirateten Frauen, sondern den noch unverheirateten
jungen Mädchen mit in die Gräber gegeben hat. In den
Siedlungen, die Tarent umgeben, ist der Umgang mit den Hochzeitsgefäßen
in den Gräbern dann zum Teil schon wieder ganz anders. Die
Dissertation zeigt also auch, dass sich jede Gesellschaft ihr
eigenes Grabritual mit ganz eigenen Regeln und Konventionen schaffen
kann.
Eine ganz andere Funktion als die Gefäßformen haben
dagegen die Vasenbilder. Anders als zuletzt behauptet, bilden
sie nämlich keineswegs nur die Bildthemen ab, die in einer
unmittelbaren Beziehung zur Verwendung der Gefäßform
stehen. Auf Frauengefäßen müssen nicht nur Frauen,
auf Weingefäßen für das Symposion, an dem nur
Männer teilnehmen durften, nur männliche Themen vorkommen.
Zudem konnte ich anhand neuer Siedlungsfunde apulisch-rotfiguriger
Keramik zeigen, dass viele der bisher jenseitsbezogen gedeuteten
Bildthemen kaum so gemeint sein können, weil sie auch in
den Siedlungen vorkommen.
Nun setzt eine Untersuchung der Veränderung von Grabritualen
zunächst eine verlässliche Datierung der Gräber
voraus. Das erweist sich als schwierig, weil die traditionelle
Forschung die Gefäße bestimmten Malern zuweist und
diese in eine chronologische Reihenfolge bringt, ohne dass sie
eine Methode verwendet, um diese Chronologie anhand von äußeren
Kriterien wie Münzgräbern zu prüfen.
Um die Chronologie der Vasen auf eine bessere Grundlage stellen
zu können, habe ich die traditionellen Datierungen der Gräber
einem anderen, neuen Datierungsverfahren gegenübergestellt.
Und dieses neue Datierungsverfahren, das aus der Ur- und Frühgeschichte
kommt und Korrespondenzanalyse heißt, geht nicht von der
Zuweisung der Vasenmalereien zu bestimmten Malern aus, sondern
berücksichtigt systematisch alle Beigaben und ordnet sie
chronologisch.
Bei einem Vergleich meiner neuen mit der alten traditionellen
Datierung zeigen sich schnell deutliche Unterschiede, so dass
die alte Chronologie z.T. deutlich revidiert werden muss, manche
Maler sind früher, andere später anzusetzen als bisher
angenommen. Außerdem werden die rotfigurigen Vasen in Tarent
deutlich länger als bisher vermutet verwendet. Sie enden
nicht um 300 v. Chr., sondern um 275 v. Chr.
Bisher glaubte man, dass die rotfigurige Keramik abrupt auf dem
Höhepunkt ihrer Qualität endete, weil die Römer
Unteritalien unter ihre Gewalt brachten und somit für das
Ende der Gattung verantwortlich gewesen seien. Statt dessen zeigt
meine Chronologie der untersuchten Gräber ganz deutlich,
dass die Gattung in Tarent lange vor ihrem Ende und weit vor den
Römern ( um 325 v. Chr.) an Bedeutung verliert, weil eine
andere, modernere Vasengattung an ihre Stelle trat.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.