Würdigung und Danksagung
Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft
der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an
Herrn Dr. phil. Kai-Michael
Hingst
Seminar für Deutsche und Nordische Rechtsgeschichte, Universität
Hamburg
Herr Dr. Kai-Michael Hingst wurde promoviert mit der Dissertation
Perspektivismus und Pragmatismus. Ein Vergleich auf der
Grundlage der Wahrheitsbegriffe und der Religionsphilosophien
von Nietzsche und James", in der er erstmals die Gemeinsamkeiten
und Unterschiede zwischen dem pragmatistischen Denken von William
James und dem perspektivistischen Denken Friedrich Nietzsches
aufzeigte, wobei er unter Einbeziehung sowohl der veröffentlichten
als auch der nachgelassenen Schriften beider Philosophen
die Wahrheitsbegriffe, die Religionsphilosophien und die ihnen
jeweils zugrundeliegende Philosophie im ganzen, also den Perspektivismus
Nietzsches und den im deutschen Sprachraum bislang nur ganz ungenügend
wahrgenommenen Pragmatismus James, einer umfassenden Analyse
unterzog, die nicht nur philosophiehistorisch einen großen
Erkenntnisfortschritt brachte, sondern auch einen wichtigen systematischen
Beitrag zur Diskussion der Philosophie des Pragmatismus darstellt.
Hamburg, am 19. November 1999
(Dr. Helmut Greve) (Hannelore
Greve)
Stiftungsvorstand
Danksagung von Dr. Kai-Michael Hingst
Sehr geehrter Herr Präsident, verehrtes
Ehepaar GREVE, meine sehr geehrten Damen und Herren!
Gerne schließe ich mich meinen Vorrednern an und spreche
Ihnen, verehrtes Ehepaar GREVE, und der Joachim Jungius-Gesellschaft
der Wissenschaften für die Verleihung des Förderpreises
der Dr. Helmut und Hannelore Greve Stiftung für Wissenschaften
und Kultur meinen tiefempfundenen Dank aus.
Ganz unabhängig von der Auszeichnung meiner Person empfinde
ich es als befriedigend, daß in einer Stadt wie Hamburg,
in der die Universität keinen leichten Stand hat, sich Ihr
privates Mäzenatentum, verehrtes Ehepaar GREVE, und die akademische
Exzellenz der Joachim Jungius-Gesellschaft die Hände reichen,
um - nach guter hanseatischer Tradition - zur Förderung der
Wissenschaften zusammenzuwirken. Gerade in einer Zeit, in der
die Sense der Gleichmacherei Egalität erzeugt, gewinnt die
Verleihung eines Preises besondere Bedeutung, weil sie zu einer
Auswahl zwingt, also eine Differenzierung einschließt und
damit dasjenige Prinzip zur Geltung bringt, dem sich Wissenschaft
verdankt.
Danken möchte ich an dieser Stelle auch meinem Doktorvater,
Herrn Professor KLAUS OEHLER, der mich in vielfältiger Weise
gefördert hat, der Zweitgutachterin meiner Dissertation,
Frau Professor DOROTHEA FREDE, und Herrn Professor GÖTZ LANDWEHR,
der mir während meiner Tätigkeit an seinem juristischen
Lehrstuhl jede Freiheit gelassen hat, auch meiner philosophischen
Neigung nachzugehen.
In wenigen Worten will ich versuchen, Ihnen den Gegenstand meiner
Arbeit über "Perspektivismus und Pragmatismus"
vorzustellen. Ich habe das Denken zweier Philosophen verglichen,
die gegen Ende des letzten Jahrhunderts diesseits und jenseits
des Atlantiks wirkten und auf den ersten Blick nicht viel miteinander
gemein haben.
Der erste Philosoph ist FRIEDRICH NIETZSCHE. Wir kennen ihn je
nachdem als entlaufenen Philologen oder irrationalen Verkünder
einer Vision des "Übermenschen", als großen
Zertrümmerer aller Tradition oder Propagandisten einer "Herrenmoral".
Diese Urteile, die zum Teil Vorurteile sind, verdecken einen Zug
in NIETZSCHES perspektivistischem Denken, der ihn in Verbindung
mit meinem zweiten Philosophen bringt, einem Zeitgenossen NIETZSCHES:
dem Amerikaner WILLIAM JAMES. WILLIAM JAMES, dessen jüngerer
Bruder, der Romancier HENRY JAMES, hierzulande eher bekannt ist,
war Professor zunächst der Psychologie, dann der Philosophie
an der Harvard University in Cambridge und begründete - zusammen
mit CHARLES S. PEIRCE - die Philosophie des Pragmatismus. Pragmatismus
bedeutet hier nicht eine Lebenseinstellung der Prinzipienlosigkeit
oder der moralischen Indifferenz. Pragmatismus als philosophischer
Terminus steht vielmehr für ein neues Konzept der Begriffsbildung.
Sein Wahlspruch ist ein Bibelwort: "An ihren Früchten
sollt ihr sie erkennen." Auf dieser Grundlage gewinnt der
Pragmatismus eine neue Auffassung der Wahrheit, der Religion und
der Philosophie, die den Menschen als handelndes Wesen in den
Mittelpunkt stellt.
Die Philosophie des Pragmatismus, die in den letzten Jahren auch
hierzulande wachsende Aufmerksamkeit findet, steht in einer langen
Tradition: Sie vereint Motive der griechischen Philosophie, des
angelsächsischen Empirismus und der Philosophie KANTS, dessen
"Kritik der reinen Vernunft" JAMES' Mitstreiter PEIRCE
im deutschen Original las. Der Pragmatismus als Philosophie wurzelt
also in der geistigen Überlieferung des Abendlandes und ist
trotz seiner amerikanischen Väter europäische Philosophie,
europäische Philosophie in amerikanischer Gestalt.
Vor diesem Hintergrund ist es dann nicht mehr so verwunderlich,
daß die Philosophien von NIETZSCHE und JAMES auffällige
Übereinstimmungen aufweisen. Diese Parallelität ist
geistesgeschichtlich spannend, auch und gerade dort, wo beide
Denker voneinander abweichen. Ich hebe drei Punkte hervor. Erstens:
Zwar erkennt NIETZSCHE, daß der Mensch seine Wahrheiten
nach Maßgabe ihrer Bewährung im Leben ausbildet, umformt
und verwirft. Trotzdem behält er den Begriff einer dem Menschen
stets unzugänglichen absoluten Wahrheit bei, an deren Maßstab
gemessen ihm im Gegensatz zu JAMES jene "Wahrheiten"
des Menschen ihren Namen nicht verdienen und als Irrtümer
erscheinen. Zweitens: NIETZSCHE hebt die lebensfördernde
Kraft des religiösen Glaubens mit klarem Blick hervor. Dennoch
bleibt er dabei, die Religion im allgemeinen und das Christentum
im besonderen als unvereinbar mit der "intellektuellen Redlichkeit"
abzulehnen, welchem Erfordernis sie nach JAMES unbedingt genügen.
Und drittens: NIETZSCHE analysiert die perspektivische, d. h.
unendlich von Standpunkten und Handlungsinteressen abhängige
Verfassung des Daseins. Gleichwohl vermag er sich nicht dazu durchzuringen,
darin nicht eine immer wieder beklagenswerte, leidbringende Beschränkung,
sondern eine eben menschengemäße Grundbedingung unserer
Existenz zu erblicken, wie es dem Pragmatisten JAMES gelingt.
Diese bislang kaum beachteten Übereinstimmungen und Unterschiede
im Gesamtwerk beider Denker sind nicht nur von historischem Interesse.
Die gegenwärtige Diskussion über Wahrheitstheorien und
die Ethikdebatte können auch systematisch von den begrifflichen
Präzisierungen und der Beobachtung von Phänomenen der
Lebenspraxis profitieren, wie sie sich nach dem Ergebnis meines
Vergleichs bei NIETZSCHE und JAMES finden.
Überhaupt erscheint mir ein Vergleich von Philosophien bis
hin zum Gegeneinander-Ausspielen als ein fruchtbares, erkenntnisförderndes
Verfahren. Denn allzuoft kreisen Philosophen - und nicht nur sie
- um sich selbst. Es genügt ihnen, zu glauben, sie selbst
hätten recht, ohne sich allzusehr daran zu stören, daß
ihre Kollegen von sich das gleiche glauben. Hier können wir
von NIETZSCHE lernen, der in einem - pragmatistischen - Aphorismus
sagt: "Ein Mal eins. - Einer hat immer Unrecht: aber mit
zweien beginnt die Wahrheit."
Vielen Dank.