Würdigung und Danksagung

Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an
Herrn Dr. phil. Klaus Grote
Archäologisches Institut, Arbeitsbereich Vor- und Frühgeschichte Europas, Universität Hamburg

Herr Klaus Grote wurde promoviert mit einer inzwischen publizierten Arbeit über “Die Abris im südlichen Leinebergland bei Göttingen, Archäologische Befunde zum Leben unter Felsschutzdächern in urgeschichtlicher Zeit”, in welcher er Qualität und Quantität frühesten Siedlungsgeschehens ebenso behandelt hat wie den Neolithisierungsprozeß in der mitteleuropäischen Mittelgebirgszone mit einem möglichen Nebeneinander von seßhafter Bauern- und mobiler Jäger-/Sammlerbevölkerung sowie die späteren metallzeitlichen Nutzungen der Abris als zeitweilige Wohnplätze. Hierzu hat er mit großem Sachverstand 103 archäologisch sicher belegte Fundstellen unter Felsüberhängen ausgewählt und gegenüber typologisch-formenkundlichen Arbeitsmethoden anhand bearbeiteten Steinmaterials naturwissenschaftlich gestützte und stratigraphisch eingeordnete Befunde zugrunde gelegt, wie sie auch aus dem norddeutschen Flachland sowie aus Dänemark vorliegen, so daß es ihm auf einer solchen Basis möglich gewesen ist, Rückschlüsse auf das Spektrum der Funktionen zu ziehen, also zwischen Wildbeuterstationen, Basislagern, Sommer- oder Winterunterkünften zu unterscheiden, und somit unsere Kenntnis von der über Jahrtausende hinweg verbreitet gewesenen Lebensweise unter Felsschutzdächern durch neue Wege der Beobachtung und Interpretation archäologischer Befunde auf derart grundlegende Weise zu bereichern, daß den Untersuchungen über das engere Thema hinaus richtungsweisende Bedeutung zukommt.
 
Hamburg, den 21. November 1997

(Dr. Helmut Greve)      (Hannelore Greve)

Stiftungsvorstand


Danksagung von Dr. phil. Klaus Grote
 
Sehr geehrter Herr Präsident, verehrtes Ehepaar GREVE, sehr verehrte Damen und Herren!
Als ich vor knapp zwei Wochen die Nachricht erhielt, daß ich in Würdigung meiner wissenschaftlichen Arbeit heute mit dem Förderpreis der “Dr. Helmut und Hannelore Greve Stiftung für Wissenschaften und Kultur” ausgezeichnet werden soll, war die Überraschung und Freude darüber sehr groß. Ich betrachte es als große Ehre, in dieser Form durch die Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften und die Stiftung des Ehepaares GREVE gefördert zu werden, und möchte Ihnen meinen Dank dafür ausdrücken. Dank gilt ganz besonders Frau Prof. Dr. RENATE ROLLE sowie Herrn Prof. Dr. HELMUT ZIEGERT, die meine Arbeit über die urgeschichtlich besiedelten Felsschutzdächer des südniedersächsischen Raumes als Dissertation am Hamburger Archäologischen Institut im Universitätsfachbereich Kulturgeschichte und Kulturkunde angeregt und angenommen haben. Beiden verdanke ich über viele Jahre hinweg hilfreichen fachlichen Rat und Unterstützung.
Die von mir vorgelegte Arbeit mit dem Titel “Die Abris im südlichen Leinebergland bei Göttingen. Archäologische Befunde zum Leben unter Felsschutzdächern in urgeschichtlicher Zeit” ist inzwischen als Monographie in der Reihe der Veröffentlichungen der Urgeschichts-Abteilung des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover erschienen. Sie faßt die Auswertung eines über 13 Jahre lang vorangetriebenen Forschungsprojektes zusammen, mit Geländearbeiten, dabei mehreren Ausgrabungen, sowie deren Befund- und Fundanalysen. Ziel war die quantitative und qualitative Feststellung archäologischer Befundreste im Sediment unter natürlichen Felsschutzdächern (sog. “Abris”). Diese sind in den Klippenbereichen der schluchtartigen Talzüge des Sandsteingebietes zwischen Nörten-Hardenberg und Friedland zahlreich vorhanden und bilden oftmals geräumige Halbhöhlen. Sie sollten als urgeschichtlich genutzte Plätze erkannt werden, möglichst mit genauer Charakterisierung als Rast- oder Wohnplatz, als kultisch genutzter Ort oder als Zufluchts- und Versteckort.
In den 13 Jahren wurden rund 1500 Abris erfaßt und kartiert sowie stichprobenartig mit Grabungen untersucht. 103 Plätze konnten mit urgeschichtlichen Resten verschiedener Perioden herausgestellt und als gesetzlich geschützte Kulturdenkmale deklariert werden. Die Maßnahmen gipfelten in einer über drei Jahre andauernden vollständigen Ausgrabung des gesamten überdachten Innenraumes und angrenzender Freiflächen am Abri Bettenroder Berg IX bei Reinhausen südöstlich von Göttingen.
Hier fanden sich in den teilweise bis 3 m mächtigen Sedimentlagen die erwarteten Kulturschichten, d. h. eingebettete Lagen von Brandschichten und Siedlungsresten. In diesen befanden sich gut erhaltene Feuerstellen, Abfall- und Vorratsgruben, Steinsetzungen und Steinplattenpflasterungen. Auch die Erhaltungsbedingungen für organische Materialien waren günstig, so daß paläobotanische Reste (z. B. Holzkohlen und Fruchtreste) und zoologisches Material (z. B. Tierknochen, zeitgenössische Nagerreste und Schnecken, sogar Eierschalen und Fischreste) vorgefunden wurden. Unter dem genannten Abri am Bettenroder Berg bei Reinhausen konnten so elf übereinanderliegende Besiedlungsphasen aus dem Zeitraum von rund 50.000 Jahren vor heute bis um ca. 500 vor Chr. Geb. erschlossen werden. Dabei handelte es sich einerseits um Lagerplätze altsteinzeitlicher Wildbeutergruppen, die während des letzten Weichselglazials in der Tundra des eisfreien Periglazialraumes lebten.
Besonders fundreich und aussagefähig erwiesen sich die darüberfolgenden Schichten mittelsteinzeitlicher Wildbeutergruppen, die während der frühen Nacheiszeit wiederholt diesen günstigen Platz ausgesucht hatten. Über flächenhaft freigelegte und wenig zerstörte Siedlungsbilder mit Herdstellen, Koch-, Abfall- und Arbeitsbereichen konnten neue qualitative Einblicke in die Lebensweise als nicht-seßhafte Jäger und Sammler dokumentiert werden. Sie erlauben beispielsweise die Rekonstruktion des längerfristigen Aufenthaltes einer Kleingruppe von 15–20 Personen in einem Spätsommer und Herbst um ca. 5500 v. Chr.. Man jagte Ur, Hirsch, Wildschwein, Reh, Wolf, Fuchs, Otter, Biber und Wildkatze, begleitet vom domestizierten Hund. Gefangen wurden Hecht und Forelle in benachbarten Gewässern, ebenso wurden Teichmuscheln verzehrt. Die pflanzliche Nahrung bestand u. a. aus gesammelten und gerösteten Haselnüssen, ebenso aus Schlehen. Über Nachweise frühester Getreidekörner (Gerste und Emmer) und Knochen der Haustierarten Schaf und Ziege sind sichere Anzeichen für den bevorstehenden Kulturwechsel zur produzierenden Lebensweise des Frühneolithikums vorhanden. Am Ende dieser mesolithischen Besiedlungsphase wurden zwei Kleinkinder, die vermutlich gleichzeitig verstorben waren, am Ort in Grabgruben bestattet. Die Art ihrer Beigaben zeigt, daß sie wie vollwertige erwachsene Gruppenmitglieder mit notwendigem Werkzeug für ein Leben im Jenseits ausgerüstet waren.
Um alle Aussagemöglichkeiten auszuschöpfen, war die Beteiligung verschiedenster Naturwissenschaften unerläßlich. Ich danke an dieser Stelle ganz herzlich den insgesamt 18 Wissenschaftlern aus den Bereichen der Geowissenschaften, der Paläobotanik, Zoologie und Chemie, die mit ihren Untersuchungen im Rahmen des Forschungs- und Auswertungsprojekts mitgewirkt und zum interdisziplinären Gesamterfolg beigetragen haben. Ich möchte sie in die heute erfahrene Ehrung mit einschließen. Gleiches gilt für die vielen fachstudentischen Helfer bei den Geländearbeiten.
Die Arbeit bewegte sich, wie zumeist in der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie, gleichermaßen in den Bereichen der Naturwissenschaften wie der Geisteswissenschaften. Mein Ziel war ein neuer kulturgeschichtlicher Einblick in die archäologisch nur sehr reduziert überlieferten Phasen der frühen Wildbeuter. Nicht zuletzt war es ein Ziel, die in einer urwüchsigen und phantasiebeflügelnden Landschaft gelegenen Abris als Kulturdenkmale mit hohem Erkenntniswert für die heutige Gesellschaft zu erschließen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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