Würdigung und Danksagung

Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an
Herrn Dr. phil. Hans-Diether Grohmann
Germanistisches Seminar der Universität Kiel

Herr Dr. Grohmann schloß sein Studium der Fächer Deutsch und Französisch an der Christian-Albrechts-Universität Kiel 1989 mit dem ersten Staatsexamen ab. Nach der durch ein Stipendium ermöglichten Teilnahme am 6. „Colloque International des Etudes Créoles" in Cayenne und einem Forschungsaufenthalt in den franko-kreolophonen Gebieten Französisch-Guayanas und Martiniques folgte das Referendariat für den Schuldienst an Gymnasien. 1992 legte er das zweite Staatsexamen ab und wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter am Germanistischen Seminar Kiel, an dem er bereits vorher Lehraufträge wahrgenommen hatte.
Mit der Dissertation „Matthias Claudius als Übersetzer französischsprachiger Schriftsteller. Eine translationskritische Analyse der vom Wandsbeker Boten ins Deutsche übertragenen religionsphilosophischen Werke und utopischen Reiseromane unter Anwendung eines Rahmenmodells der wissenschaftlichen Übersetzungskritik" wurde Dr. Grohmann in Kiel promoviert. In dieser Arbeit werden erstmals die sehr umfangreichen Übersetzungen von Claudius einer wissenschaftlichen kritisch-wertenden Analyse unterzogen. Dazu hat sich der Autor in gründlicher Auseinandersetzung mit vorhandenen Ansätzen und Modellen ein eigenständiges Analysekonzept erarbeitet, das vor allem sprachstrukturell-sprachfunktionale und pragmatische Aspekte systematisch berücksichtigt. Die akribische Anwendung des klug durchdachten eigenen Modells, das detailliert grammatische, lexikalische und stilistische Merkmale sprachvergleichend einbezieht und dabei Sach-, Zeit-, Orts- und Empfängerbezüge wie auch Sprecherabhängigkeit und affektive Implikationen im Blick behält, hat zu einem hochbedeutsamen Ergebnis geführt. Entgegen bisheriger negativer Einschätzungen und Urteile, die Grohmann als unbegründeten, immer wieder ungeprüft übernommenen Topos entlarvt, erweist sich Claudius als hervorragender Kenner der französischen Sprache, der durchweg auch schwierigste Passagen adäquat ins Deutsche zu übersetzen verstanden hat. Damit hat Dr. Grohmann einen wichtigen Forschungsbeitrag geleistet und das facettenreiche Bild des Wandsbeker Boten wesentlich korrigiert und ergänzt. Die methodisch vorbildliche Untersuchung weist ihren Verfasser als kenntnireichen, belesenen, kritisch analysierenden Wissenschaftler aus, der seine Forschungsergebnisse sowohl in formaler als auch in inhaltlich-stilistischer Hinsicht überzeugend zu vermitteln versteht.
Sein translationskritisches Analysemodell dürfte sich für die weitere Forschung und didaktische Anwendung als nützliches Arbeitskonzept erweisen.
Herr Dr. Grohmann hat bisher zu verschiedenen Themen wissenschaftliche Beiträge publiziert und erarbeitet gegenwärtig ein Lehrbuch, das die praktische Anwendung seines Analysemodells am Beispiel unterschiedlicher Textarten zum Ziel hat.

Hamburg, den 24. November 1995

(Dr. Helmut Greve) (Hannelore Greve)
Stiftungsvorstand

 

Danksagung von Dr. phil. HANS-DIETHER GROHMANN

Sehr geehrter Herr Präsident, verehrtes Ehepaar Greve, meine sehr geehrten Damen und Herren!

Mit außerordentlich großer Freude erhielt ich Ende letzten Monats die Nachricht, daß mir heute der Förderpreis der Dr. Helmut und Hannelore Greve-Stiftung für Wissenschaften und Kultur verliehen wird. Ich möchte mich zunächst dafür bei allen Beteiligten aufrichtig bedanken: bei dem Ehepaar Greve für ihre Stiftung und die großzügige Ausstattung des Förderpreises, bei der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften für den auf meine Dissertation gerichteten Vorschlag sowie bei meinem verehrten Doktorvater, Herrn Prof. Dr. Friedhelm Debus, für seine unermüdliche und wohlwollende Förderung meiner Forschungsarbeit.
Wenn ich Ihnen sage, daß mich die Erteilung des Förderpreises mit großer Dankbarkeit erfüllt, so ist dieses nur eine Regung, die ich verspüre; ich sehe in der Verleihung und der damit verbundenen ehrenvollen Auszeichnung auch die Anerkennung meiner wissenschaftlichen Arbeit, die so selbstverständlich nicht ist. Meine Dissertation, - selbst wenn sie mit dem zumindest in Norddeutschland relativ bekannten „Wandsbecker Boten" Matthias Claudius’ in Zusammenhang steht -, wird trotz ihres wissenschaftlichen Erkenntniswertes wohl kein „Bestseller" werden können, und die Resonanz auf meine immerhin mehrjährige Arbeit wird sich in vergleichsweise bescheidenen Grenzen halten. Daß sie nun heute noch einmal in diesem Rahmen gewürdigt wird, erfüllt mich daher mit großer Freude!
Mit dem Namen von Matthias Claudius verbinden nur die wenigsten seine Tätigkeit als Übersetzer: Sehr wohl ist er als Verfasser des Abendliedes und als Herausgeber des ASMUS bekannt, eventuell noch als Journalist oder als Rezensent, als Publizist oder als Briefschreiber, doch daß er in der Zeit von 1777 bis 1811 auch vier relativ umfangreiche französisch-deutsche Übersetzungen von zwei religionsphilosophischen Werken und zwei utopischen Reiseromanen angefertigt hat, die zusammen mehrere tausend Seiten erreichen, ist selbst Germanisten und Literaturwissenschaftlern weitgehend unbekannt. Ich machte mir – übrigens im Zusammenhang mit dem 1990 abgehaltenen Symposium der Joachim Jungius-Gesellschaft über „Matthias Claudius: 250 Jahre. Werk und Wirkung" – zur Aufgabe, die Qualität der Claudiusschen Übertragungen zu analysieren, und stellte zu diesem Zweck ein Rahmenmodell wissenschaftlicher Übersetzungskritik auf, mit dessen Hilfe ich Claudius’ Verdeutschungen unter Berücksichtigung der nicht unerheblichen Sprachstrukturunterschiede, die zwischen der romanischen Ausgangs- und der germanischen Zielsprache bestehen, untersuchte. Entgegen der allgemein verbreiteten und in Werken wie zum Beispiel Wolfgang Stammlers Claudius-Biographie nicht gerade widerlegten, sondern teilweise noch bekräftigten Auffassung, Claudius könne nur ein recht mittelmäßiger Übersetzer französischsprachiger Werke gewesen sein, habe ich gezeigt, daß die Übersetzungsleistung des Wandsbecker Boten – zumindest aus heutiger Sicht und auf der Basis translationskritischer Analyseverfahren des ausgehenden 20. Jahrhunderts – geradezu gegenteilig bewertet werden muß. Unter Beachtung texttypischer Merkmale, innersprachlicher Faktoren und außersprachlicher Determinanten konnte ich nachweisen, daß Claudius nicht nur sehr gewissenhaft, sondern überwiegend auch sehr nah am ausgangssprachlichen Text orientiert übersetzt hat. Bei den ersten drei Verdeutschungen offenbart die makrostruktu-relle Analyse die große inhaltliche Invarianz zwischen Vorlage und Übersetzung, und auch mikrostrukturell betrachtet hat Claudius seine französische Vorlage sowohl in sprachfunktionaler als auch in formaler sowie in pragmatischer Hinsicht adäquat übertragen; wenn er dies unter sprachlich-stilistischem Aspekt weniger adäquat, aber dennoch möglich, getan hat, so liegt das in seiner Neigung begründet, sprachlich freier als nötig und nicht so nah am Original zu übersetzen, wie es denkbar gewesen wäre. Erst während der vierten Verdeutschung französischsprachiger Texte änderte der Wandsbecker Bote seine Übersetzungshaltung, denn die Übertragung der religionsphilosophischen Schriften des großen französischen Theologen und Erzbischofs Francois de Salignac de la Mothe-Fénelon entspricht der Vorlage nur in einem erheblich reduzierteren Maße: Absätze mit großer makro- und mikrostruktureller Ausrichtung auf das Original wechseln mit jenen ab, die den Zusammenhang mit dem Grundtext nicht mehr erkennen lassen. Im Gegensatz zu den drei ersten französisch-deutschen Übertragungen hat es für „Fenelon’s [sic] Werke religiösen Inhalts" allerdings keine direkte Übersetzungsvorlage gegeben, die Übertragung erweist sich vielmehr als eine Zusammenstellung von verdeutschten Teilen aus Fénelons Gesamtwerk und fällt somit aus dem Rahmen der übrigen Übersetzungen. Über die Gründe für die Änderung in Claudius’ Übersetzungshaltung kann zum Teil nur spekuliert werden, sie reichen von religiös-ideologischen Motiven über sprachlich-stilistische Gründe bis hin zu Rücksichtnahmen auf seinen protestantischen Leserkreis.
Gerade die drei ersten Übertragungen mit der in ihnen enthaltenen großen Vorlagentreue zeigen, daß das Urteil von Friedhelm Debus, angesichts der Vielschichtigkeit der Person und des Werkes von Matthias Claudius seien die gelegentlichen Einstuf-un-gen des Wandsbecker Boten als „betulich-erbauliche[n] Kalenderonkel" oder als „wunderlich-anspruchslose[n] Sonderling"1 nicht länger aufrechtzuerhalten, auch im Hinblick auf Claudius’ Übersetzungsleistungen gilt. Seine sich in seinen Verdeutschungen offenbarende Belesenheit und Beherrschung der französischen Sprache demonstrieren auf nachhaltige Weise, daß sich Wilhelm von Humboldt in seiner Ansicht, Claudius „sey eine völlige Null"2, in hohem Maße getäuscht haben muß.
Gerade die Wandsbeker und Hamburger unter Ihnen mag meine Korrektur des bisher gültigen Claudius-Bildes erfreuen. Ich danke nochmals herzlich für den verliehenen Preis und für Ihre Aufmerksamkeit!

1 DEBUS, FRIEDHELM, „Matthias Claudius - 250 Jahre. Werk und Wirkung: Rückblick und Ausblick", in: DEBUS, FRIEDHELM, (Hrsg.), Matthias Claudius: 250 Jahre. Werk und Wirkung; Symposium der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften Hamburg, 31. August - 2. September 1990. Veröffentlichung der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften Hamburg, Nr. 66, S. 249-252, hier S. 251. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1991.

2 JONAS, FRITZ, (Hrsg.), Schillers Briefe (Kritische Gesamtausgabe),Band 5, S. 91. Stuttgart, Leipzig, Berlin, Wien (Deutsche Verlags-Anstalt) 1892.

weitere Preisträger