Würdigung und Danksagung
Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft
der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an Herrn
Dr. phil. Thomas Fröhlich
Ostasiatisches Seminar, Universität Zürich
Herr Dr. Thomas Fröhlich hat in seiner auf gelungene Weise
akribische sinologische Quellenarbeit und strenge politikwissenschaftliche
Methodik kombinierenden Dissertation Staat und Neue Kultur
jenseits des Politischen. Studien zu Ding Wenjiang, Zhang Junmai,
Hu Shi und Chen Duxiu" ein völlig neues Licht auf die
ordnungspolitischen Diskussionen der ersten beiden Jahrzehnte
der Republik China auf dem Festland geworfen, indem er am Beispiel
von vier sehr unterschiedlichen Autoren ein fast durchgängiges
Bestreben nach Entpolitisierung, also nach Auflösung realer
Interessengegensätze, in einem unpolitischen Raum fachlicher
Expertise nachweist und hiermit nicht allein der wissenschaftlichen
Erforschung seiner Epoche wichtige Impulse gibt, sondern zugleich
einen vielversprechenden Ansatz auch zu einer angemesseneren Interpretation
kaiserzeitlicher Traditionen bietet.
Hamburg, am 19. November 1999
(Dr. Helmut Greve) (Hannelore
Greve)
Stiftungsvorstand
Danksagung von Dr. Thomas Fröhlich
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr verehrtes
Ehepaar Greve, meine sehr geehrten Damen und Herren,die Freude,
die ich empfand, als ich erfuhr, dass mir der Förderpreis
der "Dr. Helmut und Hannelore Greve Stiftung für Wissenschaften
und Kultur" verliehen werden würde, war sehr gross und
wird noch lange Zeit währen. Mein herzlicher Dank für
diese ehrenvolle Auszeichnung gilt dem Ehepaar Greve, den Stiftern
dieses Förderpreises, und der Joachim Jungius-Gesellschaft
der Wissenschaften, auf deren Vorschlag hin die Verleihung erfolgt.
Mein ganz besonderer Dank für die zahlreichen Anregungen,
mit denen er meine Forschungsarbeit über die Jahre unterstützt
hat, gilt Herrn Professor Friedrich. Offene Türen, fachlichen
Rat und ein anregendes Arbeitsumfeld fand ich während der
Arbeit an der Dissertation auch in Zürich, an der Abteilung
Sinologie des Ostasiatischen Seminars, und in Taipei, an der Academia
Sinica, vor. Allen, die hierzu beigetragen haben, gilt mein herzlicher
Dank.
Um Ihnen einen Einblick in die Thematik zu gewähren, mit
der sich meine Dissertation beschäftigt, möchte ich
an ein Wort eines renommierten chinesischen Denkers erinnern,
der 1935 seinen Landsleuten erklärt hat, man solle in China
eine parlamentarische Demokratie errichten, könne dabei aber
auf die Existenz politischer Parteien verzichten. Aus heutiger
Sicht ist man angesichts solcher Vorstellungen geneigt, ein grobes
Missverständnis des Parlamentarismus zu diagnostizieren und
erklärend beizufügen, dass man sich im China jener Jahre
mit den Ideen der Demokratie und des Parlamentarismus wohl noch
nicht ausreichend hat vertraut machen können. Dem muss jedoch
entgegengehalten werden, dass China in den 1930er Jahren auf eine
theoretische und praktische Beschäftigung mit Demokratie
und Parlamentarismus von bereits mehreren Jahrzehnten zurückblicken
konnte. Zudem gehört der besagte Denker, der übrigens
noch heute auf beiden Seiten der Taiwan-Strasse als Verfechter
von Demokratie und Liberalismus betrachtet wird, zu jener grossen
und massgeblichen Gruppe chinesischer Akademiker und Politiker,
die sich oft über mehrere Jahre an westlichen Universitäten
und Schulen hat ausbilden lassen. Ich mochte mich daher nicht
auf jenes fragwürdige Unterfangen einlassen, das Zustandekommen
von solch scheinbar merkwürdigen Ideen einseitig auf Unbeholfenheit
oder Mängel in der chinesischen Rezeption abendländischer
Ideen zurückzuführen, wie das in der bisherigen Forschung
oft getan worden ist.
Fasst man stattdessen die erstaunlich breite Palette wissenschaftlicher
Interessegebiete vieler chinesischer Denker der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts ins Auge - sie reicht oftmals von abendländischer
Philosophie und Wissenschaftstheorie bis zur Geschichtswissenschaft,
Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft usw. - , so wird man
einer spezifischen Ausprägung ihrer politischen Ideen gewahr:
Immer wieder stösst man auf die Vorstellung, die staatliche
Ordnung, wie sie seit dem Sturz der letzten Dynastie 1911 im Zentrum
zahlreicher Debatten stand, könne nur aufgrund einer "neuen"
geistigen Kultur, beruhend auf Erkenntnissen aus Wissenschaften
und Philosophie, errichtet werden. Die staatliche Einheit verdankte
sich in der Quintessenz solcher expertokratischer Vorstellungen
schliesslich im wesentlichen der rein fachlichen Einigung jener,
welche die "neue" Kultur zu repräsentieren in der
Lage wären. Dieses Nachdenken über die Ordnungen menschlichen
Zusammenlebens setzte demnach, seinem eigenen expertokratischen
Anspruch zufolge, fernab von der politischen Alltäglichkeit
des Widerstreits gesellschaftlicher Partikularinteressen an. Da
mag es aus heutiger Sicht kaum überraschen, dass jene chinesischen
Denker, die sich dieser entpolitisierenden Verschränkung
von Theorie und Praxis verschrieben haben, ihr Vorhaben letztlich
weder in der Theorie noch in der Praxis zum Erfolg bringen konnten.
Gegenwärtigkeit haben diese Ordnungsvorstellungen nun nicht
nur in den Nachwirkungen bewahrt, die sie in der chinesischsprachigen
Welt bis heute zeitigen. Sie lassen uns zugleich eine begriffliche
Grunderfahrung im Hinblick auf das chinesische Denken des 20.
Jahrhunderts machen: Wir stossen dort nämlich allenorts auf
Übersetzungen vertrauter Begriffswörter, im Bereich
des politischen Denkens beispielsweise "Demokratie"
oder "Parlamentarismus", wenn es jedoch darum geht,
die jeweiligen Begriffe genauer zu bestimmen, das heisst eine
Rückaneignung abendländischer Begriffe aus chinesischen
Kontexten zu vollziehen, so bietet die abendländische Begriffsgeschichte
oftmals nur eine wenig verlässliche Verständnishilfe.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.