Würdigung

Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an
Herrn Dr.-Ing. Thomas Dusch
Institut für Konstruktions- und Fertigungstechnik, Universität der Bundeswehr Hamburg

Seit Mitte der neunziger Jahre ist das Internet zu einem weltumspannenden System des Datenaustausches geworden, so dass es nur folgerichtig ist, dieses Medium auch im Rahmen der konstruktiven Ingenieurtätigkeit einzusetzen. Dies ist insbesondere dann von Bedeutung, wenn spezifisches Fachwissen weltweit in kürzester Zeit zugänglich sein soll. In seiner mit Auszeichnung bewerteten Dissertation "Einsatz des Internet zur Akquisition und Vermittlung technischer Sachverhalte am Beispiel kinematischer Problemstellungen" zeigt Herr Dr. Dusch auf, welcher Aufwand notwendig ist, um grundlegende technisch-wissenschaftliche Erkenntnisse im Internet so niederzulegen, dass diese von den Nutzern mit vertretbarem Aufwand abgerufen und in ihre eigenen Programme integriert werden können. Unter besonderer Berücksichtigung der speziellen informationsorientierten Anforderungen des Konstrukteurs wurde ein Konzept für ein Informationssystem erstellt, das einen Beitrag zur Behebung der informationstechnischen Defizite in der Konstruktion leisten soll.

Hamburg, am 22. November 2002

(Prof. Dr. Helmut Greve) (Dr. h. c. Hannelore Greve)
Stiftungsvorstand

 

Danksagung von Dr.-Ing. THOMAS DUSCH

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr verehrtes Ehepaar GREVE, meine sehr geehrten Damen und Herren,
die Verleihung dieses Preises der "Dr. Helmut und Hannelore Greve Stiftung für Wissenschaften und Kultur" bedeutet für mich eine außerordentliche Ehrung und erfüllt mich mit großem Stolz. Für die damit verbundene ideelle und materielle Förderung möchte ich mich zunächst aufrichtig bedanken: bei dem Ehepaar Greve für die Stiftung und die großzügige Ausstattung des Förderpreises und der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften, die meine Arbeit für diesen Preis auserwählt und vorgeschlagen hat. Mein tief empfundener Dank gebührt Ihnen, er gilt jedoch auch meinem verehrten Doktorvater an der Universität der Bundeswehr Hamburg, Herrn Prof. Dr.-Ing. Wolfram Funk, ohne dessen vorbildliche Unterstützung und wohlwollende Förderung ich heute nicht hier wäre.
In der hier ausgezeichneten Arbeit habe ich ein hoch aktuelles Thema aufgegriffen. Technologie-Unternehmen eines Hochlohnlandes können in der heutigen Zeit nur dann erfolgreich sein, wenn es ihnen gelingt, innovative Produkte in immer kürzeren Zeiten auf den Markt zu bringen. Gleichzeitig steigt jedoch die Komplexität der zu entwickelnden Produkte, da sie in zunehmendem Maße aus der Integration von Mechanik, Elektronik und Software bestehen. Da nun das methodische Konstruieren - als der dieser innovativen Wertschöpfung zugrundeliegende Prozess - eine durchweg informationsorientierte Tätigkeit ist, führt dies nach Erkenntnissen der Konstruktionsforschung dazu, dass etwa 50 % der gesamten Arbeitszeit eines Konstrukteurs auf Informationsbeschaffung und Wissenserwerb entfallen, wobei dieses Wissen in zunehmendem Maße auch von außerhalb eines Unternehmens bezogen werden muss. An das Internet als globalen Informations- und Wissens-speicher knüpfen sich in diesem Zusammenhang natürlich besondere Hoffnungen, die in der Praxis jedoch - auch 20 Jahre nach der Erfindung des WWW - aus Sicht des zur Produktivität verpflichteten Konstrukteurs noch immer enttäuscht werden. Dieser Sachverhalt erweckte mein Forschungsinteresse und motivierte mich zu meiner Arbeit über den "Einsatz des Internet zur Akquisition und Vermittlung technischer Sachverhalte", deren Ergebnisse ich am Beispiel kinematischer Problemstellungen verdeutlichen wollte.
Die Ursache der informationstechnischen Defizite - so meine erste Erkenntnis - liegt in den spezifischen Kommunikationsbedürfnissen des Ingenieurs begründet. Zum einen ist er es gewohnt, seine Absichten durch den gezielten Einsatz seines technischen Fachvokabulars rational zu definieren und zu kommunizieren. Zum anderen kommt er dabei nur selten ohne ein graphisch orientiertes Kommunikations-Hilfsmittel aus: die technische Skizze zur geometrieorientierten Erläuterung und Ergänzung der konstruktiven Problemstellung. Die Suchwerkzeuge des Internet jedoch verfügen in ihrer derzeitigen Form weder über die erforderlichen semantischen Fähigkeiten, um Fachbegriffe aus dem Kontext heraus ihrer Bedeutung ent-sprechend zu interpretieren, noch ermöglichen sie die geometrieorientierte Definition einer Anfrage zur Informationsgewinnung in jedweder Form.
Der meinem Beitrag zur Behebung dieser Defizite zugrundeliegende Ansatz basiert nun auf der Erstellung und Anwendung sogenannter fach- oder domänenspezifischer Ontologien. Der ursprünglich philosophische Begriff "Ontologie" wurde durch den Forschungsbereich "Künstliche Intelligenz" aufgegriffen und steht hier für die explizite Spezifikation von Konzepten zur Beschreibung eines Ausschnitts der realen Welt in einer für den Rechner verständlichen Form - in einfachen Worten: eine Art "digitalisierte Begriffswelt" zur fachbezogenen Kommunikation mit dem Computer. Dieser Ansatz erweckte mein besonderes Interesse, da gerade im technisch-wissenschaftlichen Bereich allgemein bekannte und anerkannte Begriffsbestim-mungen in Form von VDI-Richtlinien als quasi-normierter, fachbegrifflicher Rohstoff für die Erstellung derartiger "digitalisierter Begriffswelten" zur Verfügung stehen. Dies schließt gleichermaßen geometrische und geometrieorientierte Konzepte - etwa zur Definition einer Skizze - mit ein.
Die gezielte Ermittlung und Vermittlung technischer Sachverhalte im Internet - so das Ergebnis meiner Arbeit - erfordert als Suchwerkzeug ein modulares Expertensystem, welches über das Wissen um die kommunikativen Eigenheiten der Anwender bedarfsgerecht verfügen kann und dieses zur gezielten Vermittlung von technischem Wissen anzuwenden in der Lage ist. Dabei stellt die vorliegende Arbeit kein ab-schließendes Ergebnis dar, sondern ist vielmehr als Kristallisationspunkt für weitere Untersuchungen anzusehen, an denen ich auch selbst weiterhin beteiligt sein werde.
Nochmals Dank für die Auszeichnung und für Ihre Aufmerksamkeit.

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