Würdigung und Danksagung
Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft
der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an Herrn Dr. theol. Ralph Brucker
Neutestamentliches Seminar, Universität Hamburg
Herr Ralph Brucker wurde promoviert mit einer
inzwischen publizierten Arbeit über Christushymnen
oder epideiktische Passagen? Studien zum Stilwechsel
im Neuen Testament und seiner Umwelt. Darin untersucht er
die Briefe des Paulus im Licht der Theorie und Praxis der antiken
Rhetorik, entdeckt mehr als bisher bekannt die Stil- und Gattungsmischungen,
also die größere Freiheit der rhetorischen Praxis im
Vergleich zur rhetorischen Theorie, und kann so bestimmte Teiltexte
der neutestamentlichen Briefliteratur, die man bisher als Zitate
aus liturgischen Hymnen ansah, als epideiktische Passagen,
also als rhetorisch zu analysierende Lobrede aufweisen. Da somit
Stilwechsel innerhalb einer neutestamentlichen Schrift nicht mehr
ohne weiteres als Indiz für eine Redaktion ursprünglich
selbständiger Einheiten gewertet werden kann, ergeben sich
methodische Konsequenzen für die Literarkritik, die er, den
bisherigen Konsens der Forschung herausfordernd, am Beispiel des
Philipperbriefes demonstriert: der Brief ist keine sekundär
aus mehreren Einzelbriefen redigierte Collage, sondern ein nach
rhetorischen Prinzipien gestaltetes Werk literarischer Kommunikation,
und der berühmte Christushymnus (Phil. 2,5-11)
ist kein zitiertes Lied, sondern epideiktische Kunstprosa
des Briefautors Paulus.
Hamburg, den 21. November 1997
(Dr. Helmut Greve) (Hannelore Greve)
Stiftungsvorstand der
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
Danksagung von Dr. theol. Ralph
Brucker
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr verehrtes
Ehepaar GREVE, meine sehr geehrten Damen und Herren!
Als ich vor einigen Jahren den Lobpreis im Neuen Testament und
seiner antiken Umwelt zu meinem Dissertationsthema wählte,
da hoffte ich wohl schon, daß am Ende meiner Bemühungen
ein Lob stehen werde. Daß dieses inzwischen erfolgte
Lob nun auch noch mit einem Preis gekrönt wird, konnte
ich jedoch nicht ahnen. Für diese ehrenvolle und großzügige
Auszeichnung möchte ich mich ganz herzlich bei allen Beteiligten
bedanken: bei dem Ehepaar GREVE für die Stiftung des Förderpreises,
bei der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften für
den auf meine Dissertation gerichteten Auswahlvorschlag und bei
Herrn Professor OTTO HERMANN PESCH, der als Mitglied der Joachim
Jungius-Gesellschaft von seinem Vorschlagsrecht Gebrauch gemacht
und gemeinsam mit dem Betreuer meiner Arbeit, Herrn Professor
GERHARD SELLIN, eine gutachtliche Stellungnahme zu meinen Gunsten
verfaßt hat. Da dies, soweit ich weiß, im Einvernehmen
mit den anderen Professoren unseres Fachbereichs geschehen ist,
möchte ich auch sie in meinen Dank einschließen. Ein
kleiner Dank am Rande gebührt auch Frau SCHWABE vom Hamburger
Abendblatt: Seit heute haben einige meiner Nachbarn und Bekannten
endlich eine Vorstellung davon, was ich eigentlich die ganzen
Jahre über gemacht habe.
Mein Forschungsinteresse richtete sich zunächst auf Abschnitte
innerhalb des Neuen Testaments vor allem in den Briefen
, in denen mitten in einem argumentativen Kontext ein überschwenglicher
Lobpreis Christi oder Gottes anzutreffen ist. In der neutestamentlichen
Wissenschaft hat sich dafür seit den 20er Jahren die Gattungsbezeichnung
Hymnen eingebürgert. Diese Gattungsbestimmung
ist nun mit weitreichenden Konsequenzen verbunden worden, nämlich
mit der Hypothese, der jeweilige neutestamentliche Autor formuliere
hier nicht selbst, sondern zitiere aus einem Lied, das im urchristlichen
Gottesdienst gesungen worden sei. Dann hätten wir in den
genannten Abschnitten unschätzbare Quellen über Liturgie
und Theologie der ersten Christengeneration.
Allerdings ist bei den hypothetisch erschlossenen Hymnen
davon auszugehen, daß die neutestamentlichen Autoren sie
nicht unverändert zitieren, sondern an ihre eigene Theologie
anpassen. Damit kommt dem Forscher die Aufgabe zu, die ursprüngliche
Gestalt des Hymnus zu rekonstruieren.
Dieses Verfahren setzte bei den Exegeten ein ungeheures kreatives
Potential frei führte jedoch selten zu einhelligen
Ergebnissen. Und so ist nach einem breiten Forschungskonsens in
den 60er Jahren mittlerweile die Skepsis gewachsen und die Zahl
der mutmaßlichen Hymnen von über zwanzig
auf gerade noch vier zusammengeschrumpft, ohne daß die Frage
des angemessenen methodischen Vorgehens bislang befriedigend geklärt
worden wäre.
Das hängt aus meiner Sicht mit einem grundlegenden Versäumnis
dieses Forschungszweiges zusammen: Von Anfang an ist der literaturgeschichtliche
Hintergrund der Gattung Hymnus fast völlig vernachlässigt
worden. Nur ganz vereinzelt wurden antike griechische Hymnen zum
Vergleich herangezogen mit der Konsequenz, daß für
die fraglichen neutestamentlichen Texte ein alternativer Gattungsbegriff
zur Diskussion gestellt wurde: der Begriff Enkomion.
Dieser bezeichnet in der antiken Rhetorik die Gattung der Lobrede,
wobei freilich ein Enkomion auf eine Gottheit dann doch wieder
als Hymnus bezeichnet werden kann.
Die Aufgabe bestand also darin, über den neutestamentlichen
Tellerrand hinauszusehen und anhand der ausgiebigen Aufarbeitung
antiker Literaturtheorie und -praxis eine Verhältnisbestimmung
der unterschiedlichen Arten von lobenden Texten vorzunehmen. Dabei
machte ich die Entdeckung, daß erstaunlich viele antike
Hymnen und Enkomien gar nicht als eigenständige Texte vorliegen,
sondern jeweils in einem größeren literarischen Zusammenhang
und in diesem fest verankert. Dieses Phänomen ist bisher
selbst in der klassischen Philologie kaum methodisch reflektiert
worden, obwohl sich schon bei den antiken Rhetorikern Bemerkungen
zum Wechsel von Redegattung und Stilebene innerhalb eines Textes
finden lassen. In der Praxis ließ es sich in den unterschiedlichsten
literarischen Gattungen nachweisen: in religionsphilosophischen
Schriften, naturwissenschaftlichen Lehrbüchern und erotischen
Abenteuerromanen ebenso wie besonders wichtig in
Briefen.
Vor diesem Hintergrund schien es mir ratsam, an die mutmaßlichen
Hymnen im Neuen Testament mit der offeneren Kategorie
des Stilwechsels neu heranzugehen. Für die Probe
aufs Exempel bot sich der Philipperbrief des Paulus an
nicht nur, weil er in seinem 2. Kapitel (Vers 611) den locus
classicus der neutestamentlichen Hymnenforschung enthält,
sondern auch, weil weitere Stilwechsel in diesem Brief viele Forscher
dazu veranlaßt haben, ihn für eine nachträgliche
Zusammenstellung von zwei oder drei kürzeren Paulusbriefen
zu halten. Die rhetorische Analyse hat ergeben, daß es sich
beim Philipperbrief um einen in sich stimmigen, einheitlichen
Text der symbuleutischen (d. h. beratenden) Redegattung
handelt, der an verschiedenen Stellen Elemente epideiktischer
(d. h. lobender und tadelnder) Rhetorik enthält. Die Stilwechsel
erweisen sich durch textimmanente Aufmerksamkeitssignale als bewußt
kalkuliert und haben Analogien in den herangezogenen antiken Vergleichstexten.
Das eng mit dem gesamten Briefkontext verwobene Christuslob in
Kap. 2 ist kein von PAULUS zitiertes Lied, sondern dürfte
von ihm selbst in gehobener Prosa formuliert sein. Damit verlieren
wir zwar einen weiteren urchristlichen Hymnus
sogar den Kronzeugen für die ganze Gattung ,
aber wir gewinnen einen Apostel, der die rhetorischen Konventionen
seiner Zeit beherrscht und für seine theologische Überzeugungsarbeit
nutzbar zu machen weiß.
Ich bin mir bewußt (und habe schon einen Vorgeschmack erhalten),
daß ein solches, eher ernüchterndes Ergebnis mir innerhalb
meiner Zunft nicht nur Lob, sondern auch Tadel einbringen wird.
Soeben ist meine Arbeit in Buchform erschienen, und ich warte
auf die ersten Rezensionen. Dazu, daß ich diesen einigermaßen
gelassen entgegensehen kann, trägt in erheblichem Maß
auch der mir eben verliehene Förderpreis bei.
Ich danke Ihnen nochmals für die Anerkennung und für
die freundliche Aufmerksamkeit.