Würdigung und Danksagung

Auf Vorschlag der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften verleiht die
DR. HELMUT UND HANNELORE GREVE STIFTUNG
FÜR WISSENSCHAFTEN UND KULTUR
den Förderpreis an
Herrn Dr. rer. nat. Clemens Bayer
Institut für Allgemeine Botanik und Botanischer Garten, Universität Hamburg


Herr Dr. Clemens Bayer hat den klassischen Ansatz der Homologienforschung in seinen subtilanalytischen Untersuchungen an der Pflanzengruppe der Malvales in hervorragender Weise gehandhabt und die sich daraus ergebenden phylogenetischen Hypothesen über den stammesgeschichtlichen Werdegang dieser Pflanzengruppe mit Hilfe molekularer Daten zweier Plastidengene untermauern können; damit ist ihm nicht nur eine überzeugend begründete phylogenetische Gliederung eines größeren Evolutionsastes des Pflanzenreiches gelungen, sondern er hat in beispielhafter Weise das klassische Methodenspektrum sowie neue Vorgehensweisen der Biosystematik miteinander verknüpft.

Hamburg, am 19. November 1999

(Dr. Helmut Greve) (Hannelore Greve)
Stiftungsvorstand

 

Danksagung von Dr. Clemens Bayer

Einen Schwerpunkt meiner wissenschaftlichen Arbeit in der systematischen Botanik bildet die Klärung der Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Ordnung Malvales, also der Malvenartigen im weitesten Sinne. Zu diesen zählen neben wenigen heimischen Vertretern wie Linden und Malven überwiegend tropische Pflanzen, von denen Baumwollstrauch und Kakaobaum wohl die bekanntesten sind. Vor Beginn meiner Arbeiten war nicht nur Gliederung, sondern auch Umfang der Ordnung Malvales umstritten. Insgesamt waren es mehr als zwanzig Pflanzenfamilien, die von verschiedenen Autoren in unterschiedlicher Weise zu den Malvales gestellt worden waren. Durch vergleichende Untersuchungen konnte ich dann eine Kerngruppe mit etwa 3500 Arten identifizieren. Auf der Basis der Verteilung struktureller Merkmale zeichnete sich immer deutlicher ab, daß die bisherige Gliederung dieser Kerngruppe in vier Familien unhaltbar war. Für einzelne Gruppen ließen sich die Verwandtschaftsverhältnisse anhand morphologischer Merkmale klären, aber vor allem die größeren Zusammenhänge wurden erst erkennbar, als Ergebnisse aus der molekularen Systematik hinzukamen. Ich bin deshalb den Royal Botanic Gardens in Kew bei London, dort vor allem Professor CHASE und Dr. FAY, zu besonderem Dank verpflichtet, daß sie mir die Durchführung von DNA-Sequenzanalysen ermöglichten. Auf der Basis der Ergebnisse dieser Untersuchungen war es möglich, einen begründeten Vorschlag zur Neugliederung der Malvales vorzulegen, die als formale Klassifikation eine Alternative zu früheren Systemen darstellt. Diese Klassifikation wird zunehmend von der Fachwelt akzeptiert und geht inzwischen auch in Lehrbücher ein.

Dank der Möglichkeiten, die heute zur Rekonstruktion der Stammesgeschichte zur Verfügung stehen, werden bedeutende Fortschritte auf dem Weg hin zu einem natürlichen System erzielt. Umgekehrt versetzt uns die verbesserte Kenntnis der Verwandtschaftsverhältnisse in die Lage, Merkmale und ihre Entwicklung besser interpretieren zu können und genauere Vorstellungen über die Evolution zu entwickeln. Solche Untersuchungen sind nicht nur von akademischem Interesse, da unsere Möglichkeiten einer sinnvollen Nutzung von Pflanzen, aber auch der Erhalt ihrer Vielfalt, nicht zuletzt davon abhängen, was wir über sie wissen. Am Anfang steht dabei die Kenntnis der Arten, die besonders für tropische Vertreter nach wie vor lückenhaft ist. Wenn neue Arten entdeckt, beschrieben und benannt werden, ist oft kaum mehr als das bekannt, was zu ihrer Identifizierung nötig ist. Weitere wichtige Eigenschaften der Pflanzen, von ihrer äußeren und anatomischen Struktur über ihre Inhaltsstoffe bis hin zu komplexen biologischen Zusammenhängen erschließen sich erst durch weitere, oft aufwendige Untersuchungen. Da diese nur an einigen ausgewählten Vertretern durchgeführt werden, bleiben die meisten Arten sehr unvollständig bekannt. In diesem Zusammenhang bietet die Kenntnis der Verwandtschaftsverhältnisse die Möglichkeit, von den Merkmalen der besser bekannten Organismen Rückschlüsse auf weniger gut untersuchte Verwandte zu ziehen.
Mit der Verbindung von Befunden aus strukturellen Untersuchungen und molekularen Analysen ergeben sich für die biologische Systematik völlig neue Möglichkeiten. Ich möchte auf diesem Gebiet weiterarbeiten und würde mich dabei gerne auch in Zukunft mit tropischen Pflanzengruppen befassen und hoffe, mit meiner Arbeit zur Kenntnis ihrer Vielfalt beitragen zu können.
Nochmals herzlichen Dank für die Auszeichnung und für Ihre Aufmerksamkeit.

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